Liebesge­flüster und Wut­ges­chrei: Af­fek­tkom­munika­tion in An­ti­ke, Mit­telal­ter und Früh­er Neuzeit

Emerging Scholars Workshop des Interdisziplinären Instituts für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN)

Osnabrück, 12.-14.10.2022

Deadline: 15.04.2022

Spätestens seit dem ‚Emotional Turn‘ der (späten) 1990er-Jahre ist die Emotionsforschung in den Kultur- und Literaturwissenschaften ein fest etabliertes Gebiet. Das dokumentieren, unter anderem, eine Reihe von jüngst erschienenen epochen- und disziplinenübergreifenden Handbüchern zum Gegenstand (etwa Kappelhoff et al., Emotionen. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2019; Pritzker/Fenigsen/Wilce, The Routledge Handbook of Language and Emotion, 2020; Schnell, Histories of Emotion, 2021; Zumbusch/Koppenfels, Handbuch Literatur & Emotionen, 2016).

Der vom Interdisziplinären Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN) in Osnabrück ausgerichtete Workshop für Early-Career-Wissenschaftler*innen möchte aus dem Gebiet der Emotionsforschung das Thema der Affektkommunikation herausgreifen und der Frage nachgehen, wie Affekte in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten der Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit kommuniziert, diskursiviert und funktionalisiert wurden. Kurz gefragt: Wie kommunizierte man mit Affekten, und wie kommunizierte man über Affekte?

Hintergrund der Fragestellung ist die Einsicht der historischen Emotionsforschung, dass menschliche Gefühle einerseits als anthropologische Konstanten angesehen werden können: Seit der Antike legen zahlreiche textuelle wie nichttextuelle Artefakte Zeugnis ab von dem Wunsch, aber auch der kulturellen Herausforderung, personale Empfindungen nachvollziehbar zu kommunizieren. Andererseits erweisen sich Affekte und Emotionen gerade in historischer Perspektive als in hohem Maße variabel. Diese Variabilität betrifft nicht nur die Bestimmung dessen, was unter ‚Affekt‘, ‚Emotion‘, passio oder verwandten Begriffen jeweils verstanden wurde und wird; sie betrifft auch und besonders die je spezifische Codierung und kommunikative Vermittlung von Affekten bzw. affektivem Handeln.

Das Konzept des Workshops geht mithin von der Notwendigkeit einer deutlichen Unterscheidung zwischen dem Affektiven und dem Ausdruck von Affektivem aus. Diskutiert werden sollen nicht so sehr die historische ‚Realität‘ einzelner Affekte und Emotionen oder die Gefühle, die durch ihre Kommunikation beim Rezipienten hervorgerufen werden; untersucht werden soll vielmehr, wie Affekte in bestimmten (literarischen, historischen, musikalischen etc.) Situationen ausgedrückt werden und welche kommunikativen Funktionen ihnen in diesem Zusammenhang zukommen. Denn während die Wirklichkeit des Affektiven historisch kaum je direkt greifbar ist, lässt sich seine kommunikativ-diskursive Vermittlung in den Quellen recht genau beobachten und beschreiben. Das gilt auch für die philosophisch-theologische Reflexion auf Affekte, die gerade in der Frühen Neuzeit einen neuen Stellenwert erhält.

Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind unter anderem:

  • Welche Rolle spielen Affekte in unterschiedlichen kommunikativen Zusammenhängen (Kunst, Literatur, Musik, aber etwa auch Recht, Politik, Philosophie, Theologie und Religion) der Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit?
  • Wie wird Affektkommunikation in verschiedenen Epochen und Kulturen artikuliert und inszeniert, und welchen Einfluss haben Medien auf die Wahrnehmung und Kommunikation von Affekten?
  • Welche Traditionen und Traditionsbrüche lassen sich in Konzepten der Affektkommunikation und in der Reflexion auf Affekte beobachten in den Übergängen von Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit?
  • Welche Räume für und/oder Praktiken von Affektkommunikation lassen sich beobachten?
  • Welchen Funktionen folgt die Diskursivierung des Affektiven im gegebenen Zusammenhang jeweils?
  • Wie wird, auf einer Metaebene, in den Quellen über Affektkommunikation reflektiert?
  • Wie werden Geschlecht und Affektivität zueinander ins Verhältnis gesetzt? Inwiefern ist die Kommunikation von Affekten schicht- und/oder geschlechtsspezifisch?
  • Wie stellt sich das Verhältnis von Affekt(-kommunikation) und Körperlichkeit dar?
  • Welche Potentiale für überraschendes oder in irgendeiner Weise von vorgegebenen Erwartungen abweichendes Handeln verbinden sich mit der Kommunikation von Affekten?

Indem der Workshop dazu einlädt, über diese – und weitere – Fragen in ein Gespräch einzutreten, möchte er einen Beitrag zum besseren Verständnis sowohl historischer als auch gegenwärtiger Formen der Affektkommunikation leisten.

Er richtet sich an Early-Career-Wissenschaftler*innen (während oder bis zu 6 Jahre nach der Promotion) und möchte nicht nur ein Forum für den interdisziplinären Austausch und die Vernetzung bieten, sondern auch für die gemeinsame Arbeit an und mit den Texten der Teilnehmer*innen. Neben den Vorträgen sind daher offene Werkstattgespräche im kleinen Kreis vorgesehen. Reise- und Unterbringungskosten werden nach Möglichkeit durch das IKFN übernommen.

Erbeten werden Vorschläge für 20-minütige Vorträge aus den Bereichen der Kultur- und Literaturwissenschaften, Geschichtswissenschaft, Klassischen Philologie, Musik- und Kunstgeschichte oder Theologie. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.

Bitte senden Sie Ihr Vortragsthema zusammen mit einem Abstract (ca. 300 Wörter) und einer kurzen biographischen Information (max. 150 Wörter) bis zum 15. April 2022 an die folgende Adresse: affekte-ikfn@uni-osnabrueck.de.

Rückfragen richten Sie gerne an die Organisatoren des Workshops:

Prof. Dr. Dietrich Helms
Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik
Universität Osnabrück
Neuer Graben, Schloss
49074 Osnabrück
E-Mail: dhelms@uni-osnabrueck.de

Prof. Dr. Thomas Kullmann
Institut für Anglistik/Amerikanistik
Universität Osnabrück
Neuer Graben 40
49074 Osnabrück
E-Mail: Thomas.Kullmann@uni-osnabrueck.de

Prof. Dr. Meike Rühl
Institut für Romanistik/Latinistik
Neuer Graben 40
Universität Osnabrück
49074 Osnabrück
E-Mail: meike.ruehl@uni-osnabrueck.de

Prof. Dr. Christian Schneider
Institut für Germanistik
Universität Osnabrück
Neuer Graben 40
49074 Osnabrück
E-Mail: christian.schneider@uni-osnabrueck.de