Trayect­orias: Mu­sik zwis­chen Latein­amerika und Europa 1970–2000

Santiago de Chile, 14.-16.03.2019

Von Felipe Elgueta Frontier, Santiago de Chile, übersetzt von Vivienne Frey, Tübingen – 02.03.2021 | Die dritte internationale Konferenz des Forschungsnetzwerks „Trayectorias“ (www.trayectorias.org) fand an der Universidad Alberto Hurtado in Kooperation mit der Academia Chilena de Bellas Artes statt. Nachdem sich die bisherigen Konferenzen auf die Zirkulation von Musik und die Interaktion von Musiker*innen zwischen 1945 und 1970 fokussiert hatten, ging es jetzt um die darauffolgende Zeitspanne bis zum Jahr 2000. In den Vorträgen wurde dieser Austausch zwischen Lateinamerika und Europa unter historischen, politischen, biografischen und auch ökonomischen Aspekten erörtert.

Der erste Teil beschäftigte sich mit lateinamerikanischen Musiker*innen in Europa. Dörte Schmidt (Universität der Künste Berlin) eröffnete die Konferenz mit einem Vortrag über die politischen Faktoren des musikalischen Austauschs zwischen Lateinamerika und den beiden deutschen Staaten mit ihren zwei unterschiedlichen und im Konflikt stehenden Ideologien. Zentrale Institutionen und Initiativen waren hier das Goethe-Institut, die Berliner Festwochen, die Darmstädter Ferienkurse und das Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Iván César Morales (Universidad de Oviedo) stellte kubanische Komponist*innen vor, die aufgrund der Wirtschaftskrise in der „Periodo especial“ aus Kuba nach Europa emigrierten. Dabei hat sich Morales vor allem mit dem Fall des privilegierten Komponisten Leo Brouwer beschäftigt, ein „offizieller“ Komponist, der später Gründer und Dirigent des Sinfonieorchesters von Córdoba in Andalusien war. Während Brouwer relativ unabhängig war, mussten sich andere Kolleg*innen wie Keyla Orozco, Eduardo Morales-Caso und Ailem Carvajal den Machtstrukturen deutlich mehr anpassen. Martín Liut (Universidad de Quilmes/Universidad de Buenos Aires) gab Beispiele für argentinische Komponist*innen, die nach Frankreich emigrierten: Horacio Vaggione, Martín Matalon, Luis Naón und Gustavo Beytelmann. Auch nach dem Wiederaufbau der Demokratie in Argentinien sind sie in Frankreich geblieben und tendierten zu einem kosmopolitischen, abstrakten Kompositionsstil. Von anderen Komponisten werden sie immer noch als „nicht-französische“ Komponisten angesehen, obwohl sie schon mehrere Jahrzehnte in Europa leben. Mauricio Gómez Gálvez (Université Paris-Sorbonne) knüpfte hier mit den chilenischen Komponisten Cirilo Vila, Sergio Ortega und Patricio Wang an. Nachdem Vila in Paris bei Oliver Messiaen und Max Deutsch studiert hatte, kehrte er 1970 nach Chile zurück und entwickelte sein eigenes Pädagogikkonzept, inspiriert durch seine Professoren in Europa. Ortega hingegen floh erst nach dem Militärputsch 1973 von Chile nach Frankreich. In Chile hatte er bereits mit Schüler*innen, die keine akademische Musikausbildung durchliefen, ein demokratisches Unterrichtsmodell für Amateurmusiker*innen entwickelt und dabei wertvolle pädagogische Erfahrungen gesammelt, die er in Frankreich nutzen und weiter ausbauen konnte. Wang studierte bei Vila in Paris Komposition und später bei Louis Andriessen in den Niederlanden, wo er bis heute lebt. Mit ihrer Ästhetik positionieren sich diese drei Komponisten zwischen Universalismus und Nationalismus, verwenden lateinamerikanische Elemente und setzen sie der europäischen Tradition entgegen. Passend zu diesem Thema stand bei der Konferenz auch ein Konzert mit Werken von emigrierten oder exilierten chilenischen Musiker*innen auf dem Programm, darunter Gabriel Brncic, Leni Alexander, Gustavo Becerra-Schmidt und Wang. Mélodie Michel (Universidad de California, Santa Cruz) sprach die Situation von lateinamerikanischen Interpret*innen alter Musik in Europa seit 1980 an. Den Emigrant*innen fiel es leicht, sich in das kosmopolitische Umfeld der Alte-Musik-Bewegung einzugliedern. Da die Lateinamerikaner*innen stärker als viele europäische Kolleg*innen mit der mündlichen Überlieferung und Improvisation beim Musizieren vertraut waren, nutzten sie diesen Vorteil, um sich gute Positionen zu erarbeiten. Ricardo Álvarez (Pontificia Universidad Católica de Valparaíso) ging auf die Emigration von Musiker*innen am Anfang der chilenischen Militärdiktatur ein, die sich zwischen Jazz, Rock und Fusion bewegten, wie etwa die Brüder Roberto und Mario Lecaros, die neben anderen Musikern wichtigen Einfluss auf die Entwicklung des „jazz chileno“ hatten.

Im zweiten Teil der Konferenz ging es um mobile Musik und Musiker*innen, um Gastspielreisen und Transferprozesse. Omar Corrado (Universidad de Buenos Aires) untersuchte die Teilnahme und Präsenz von europäischen Professoren an den Cursos Latinoamericanos de Música Contemporánea (lateinamerikanischen Kursen für zeitgenössische Musik, 1971–1989). Im Gegensatz zu den Ferienkursen in Darmstadt mit ihrem aus lateinamerikanischer Sicht hegemonialen Modell wurde in diesen Kursen vor allem die Ansicht vertreten, kulturelle Identitäten als anti-imperialistischen Widerstand zu sehen und die zeitgenössische Musik als etwas zu verstehen, das Raum für soziale Kritik bietet. Friederike Merkel (Universität der Künste Berlin) hob den kulturellen Austausch im Zusammenhang mit dem Festival Internacional de Música Renacentista y Barroca Americana „Misiones de Chiquitos“ hervor, das 1996 gegründet wurde. Das große Angebot an Konzerten und Symposien lockte ihr zufolge viele Sponsoren und internationale Medien an, was zur Verbreitung dieses kolonialen Repertoires beitrug. Christina Richter-Ibáñez (Universität Tübingen) ging auf die lateinamerikanische Nueva-Canción-Bewegung ein, die dank kultureller Initiativen wie dem Festival des Politischen Liedes in Ost-Berlin (1970–1990) auch in der DDR große Bekanntheit erlangte. Durch Plattenfirmen mit sozialistischer Motivation oder Publikationen wie zum Beispiel den Büchern Intersongs (1973) und Cantaré: Songs aus Lateinamerika (1978) wurde diese Form des politischen Lieds bekannter, außerdem spielte auch die Annäherung der Kirchen an die Befreiungstheologie eine wichtige Rolle. Stefano Gavagnin (Sapienza – Università di Roma) verwies auf die sogenannte „Andenmusik“, die in Italien durch die Nueva-Canción-Bewegung erst bekannt wurde, vor allem dank des Ensembles Inti-Illimani, das nach Italien ins Exil gegangen war. Junge, italienische Ensembles übernahmen Repertoire und Elemente der Nueva Canción und schufen eine Metaphorik der Anden, die mit einem soziopolitischen und ethischen Diskurs verknüpft war, in den auch die Protestlieder von Chilen*innen im Exil passten. Matthias Pasdzierny (Universität der Künste Berlin) bezeichnete Techno-Musik als „die andere chilenische Musik aus dem Exil“, die einen Gegensatz zu Nueva Canción und stilisierter Andenmusik bildete. Ein wichtiges Event für diesen Musikstil war der Eclipse Rave (Arica, 1994), der eine totale Sonnenfinsternis und die Atacama-Wüste als Setting für „futuristische“ Techno-Musik kombinierte. Daniel Party (Pontificia Universidad Católica de Chile) befasste sich in seinem Vortrag mit José Luis Perales, einem spanischen Liedermacher, der in Lateinamerika sehr viel mehr Anerkennung als in seinem eigenen Land erhält. Die Verbreitung seiner Musik wurde in den 1970er und 1980er Jahren von dem Label Hispavox gefördert, das sich auf den lateinamerikanischen Markt konzentrierte. Wenn man in der aktuellen #MeToo-Ära erneut einen Blick auf die Lieder von Perales wirft, erkennt man einerseits heteronormative und patriarchalische Elemente, andererseits versucht er in seinen Texten, sich in die Lage der Frau hineinzuversetzen und eine urteilsfreie und respektvolle Haltung einzunehmen. Dulce María Dalbosco (CONICET Argentina) zeigte Gemeinsamkeiten zwischen der Poetik des Tango und des Fado auf, die sich zum Beispiel in den Texten über Beziehungen erkennen lassen, in denen Frustration und Instabilität eine zentrale Rolle spielen. Auch Objekte, denen menschliche Charakterzüge zugeschrieben werden, wie das „bandoneón arrabalero“ („vorstädtisches Akkordeon“) aus dem Tango oder das Tuch (xaile) des Fado sind Elemente, die in beiden Musikstilen vorkommen.

In den letzten Vorträgen wurden unterschiedliche Fälle von Musikern behandelt, die in der Zeit vor 1970 aus Europa auswanderten. Fernando Beyer (Universität Salzburg) ging auf Hanns Eisler und seinen kurzen Aufenthalt in Mexiko 1939/40 ein: Nachdem er in den USA wegen seiner kommunistischen Ansichten nicht willkommen war, flüchtete er nach Mexiko, wo er es schaffte, einen eigenen Lehrstuhl am nationalen Konservatorium einzurichten. Trotz seiner eigentlich politisch aktiven Persönlichkeit hielt er sich in dieser Hinsicht in Mexiko zurück und beteuerte, dass sein einziges Interesse der Musik galt. Adriana Carolina Correa (Universidad Nacional de Colombia) stellte den Fall des Belgiers León J. Simar vor: Nach seinem Aufenthalt in Lüttich unter der Nazi-Besetzung zog er nach Kolumbien, aus Angst, verdächtigt zu werden, mit Deutschen kooperiert zu haben. In Cali trug er schließlich dazu bei, das Bildungssystem zu stabilisieren und die Musik im Land zu professionalisieren. Sein umfassendes Schaffen blieb in Kolumbien jedoch weitgehend unbeachtet. Diego Alonso (Humboldt Universität Berlin) führte die Situation des Musikwissenschaftlers Otto Mayer-Serra aus, der zweimal ins Exil fliehen musste: In Berlin geboren, nahm er an Diskussionen über neue marxistische Sichtweisen auf die Musik- und Kompositionsgeschichte teil, wodurch er zu einem Pionier der Musiksoziologie wurde. Als 1933 das Netzwerk linker, jüdischer Intellektueller aufgelöst wurde, zog er nach Barcelona. Dort veröffentlichte er 1938 sein Buch En torno a una sociología de la música, in dem er die Verbindung zwischen Kapitalismus und Musikgeschichte erklärte. Weil er sich als Musikpublizist im spanischen Bürgerkrieg auf der republikanischen Seite positionierte, musste er erneut fliehen, diesmal nach Mexiko, wo er bis zu seinem Tod blieb. Luis Merino (Universidad de Chile / Academia Chilena de Bellas Artes) ging auf einen weiteren spanischen Exil-Musikwissenschaftler, Vicente Salas Viú, ein: Dieser leistete zusammen mit Domingo Santa Cruz zwischen 1939 und 1953 in Chile einen wichtigen, grundlegenden Beitrag, denn beide gründeten das Instituto de Extensión Musical und arbeiteten an der Programmgestaltung des Orquesta Sinfónica de Chile.

Den Abschluss der Konferenz bildete eine Diskussion, in der sich einige generelle Tendenzen aus den vorgestellten Untersuchungen herauskristallisierten, die sich weiter zu erforschen lohnen. Wenn Komponist*innen und Interpret*innen ihr Ursprungsland verlassen und in andere Länder emigrieren, zeichnen sich unterschiedliche Problematiken ab, sobald sie sich in diese neuen kulturellen Kontexte integrieren wollen: Es entstehen teils gespaltene Identitäten, und manchmal „exotisieren“ sich die betroffenen Musiker*innen selbst gegenüber der dominierenden Kultur, die im jeweiligen Land vorherrscht. Bei transatlantischen Migrationen von Musiker*innen waren es vor allem die solidarischen Netzwerke, oft aufrechterhalten von verschiedenen, teilweise linkspolitischen Institutionen, die die Einwanderung und Integration der europäischen bzw. lateinamerikanischen Musiker*innen erleichterten. Die Rolle der Medien und die Situation des Tonträgermarkts waren dabei ebenfalls wichtige Faktoren, die die Integration begünstigten. Politische und ideologische Gesichtspunkte der Rivalität zwischen den Supermächten während des Kalten Kriegs kamen in zahlreichen Beiträgen zur Sprache, die auf den Kontext der Diktaturen und den Zusammenhang zwischen Lateinamerika und den zwei deutschen Staaten anspielten.