Mu­sik vor 1600

Florenz, 26.06.2019

Von Marie Julius, Roman Lüttin, Lisa Schön und Wiebke Staasmeyer, Mainz und Weimar – 24.11.2019 | Das gemeinsame Forschungskolloquium der musikwissenschaftlichen Institute der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar ermöglicht es Nachwuchswissenschaftler*innen einmal pro Semester, großformatige Vorträge in einem internationalen Setting zu halten. Die mittlerweile zehnte Ausgabe dieses Kolloquiums fand am 26. Juni 2019 im Instituto Nazionale di Studi sul Rinascimento im Florentiner Palazzo Strozzi statt. Nach der Begrüßung durch die Organisatoren Klaus Pietschmann (Mainz) und Christiane Wiesenfeldt (Weimar-Jena) sowie der Vorstellung des Respondenten Vincenzo Borghetti (Verona) eröffnete Daniel Tiemeyer (Weimar-Jena) die Tagung mit einem Vortrag zur Musik am Hof von Margarete von Österreich, dem Thema seiner geplanten Habilitationsschrift. Unter dem Titel „Self-representation and music at the court of Margarete of Austria. Aspects of political, sociological and compositional interconnectivity“ diskutierte Tiemeyer Inszenierungspraktiken in verschiedenen Alamire-Handschriften. Nach einem Gang durch die politische Landschaft Europas um 1500 und die Jugend Margaretes konzentrierte sich der Vortrag auf ihre ikonographische Darstellung als Witwe und ihre inszenierte Marienverehrung am habsburgisch-burgundischen Hof. Ziel war es, Verbindungslinien zwischen politischer (Selbst-)Repräsentation und ausgewählten Kompositionen aufzuzeigen. Tiemeyer zeigte dafür zunächst Ausschnitte aus dem Chansonnier der Margarete (B-Br Ms. 228). La Rues Motette Ave Maria Sanctissima wird dort beispielsweise durch die kniende Margarete von Österreich (identifizierbar durch ihr Wappen) und die auf der gegenüberliegenden Seite abgebildete, etwas höher positionierte Maria in einen politisch interpretierbaren Kontext gesetzt. Die Verbindung zwischen Margarete, ihrer Marienverehrung und la Rue zeige sich offenkundig in la Rues kompositorischem Schaffen. Erwähnenswert sind etwa die dreizehn seiner 32 Messen mit marianischen Topoi, der erste Magnificat-Zyklus in allen acht Toni überhaupt und die sechs Regina caeli-Motetten, die immerhin ein Drittel seines gesamten Motettenschaffens ausmachen. Als weiteres Beispiel wählte Tiemeyer das Mechelen Choirbook (B-MEa Ms. SS). Einer detaillierten (Bild-)Analyse der Eröffnungsseite und ihrer politischen Kontexte schloss sich ein Zwischenfazit an: „The figures here represent their function rather then their individuality“. In der abschließenden Diskussionsrunde wurde überlegt, inwiefern die Untersuchung von einem stärkeren Fokus auf Genderfragen, etwa dem Selbstverständnis der Frau als Herrscherin um 1500, gerade im Vergleich mit Johanna der I. von Kastilien, profitieren könnte.

Den zweiten Vortrag hielt Andrés Locatelli (Pavia). Unter dem Titel „Metrical-Musical Phenomena in Matteo da Perugia’s secular works“ stellte er zu Beginn die Frage, warum die Historiographie Matteo da Perugia bisher irgendwo „between Machaut and Dufay“ verortet und sich seit Willi Apel und Heinrich Besseler kaum mit Leben und Werk von Perugia auseinandergesetzt hat. Locatelli stellte Teilergebnisse aus seiner unlängst abgeschlossenen kritischen Edition der weltlichen Werke Perugias vor. Diese umfassen 24 französische Stücke und zwei italienischen Ballaten. Die insgesamt 26 Texte wurden von Locatelli jeweils in italienischer bzw. französischer Sprache ediert und übersetzt. Die französischen Werke – zehn Rondeaus, acht Virelais, fünf Balladen und ein Kanon – werfen bis heute Fragen zu verschiedenen Schreibern, Stil- und Gattungsproblematiken und zur Intertextualität der Quellen auf. Locatelli diskutierte vor allem metrische Normabweichungen und die daraus resultierende, bisweilen problematische Textunterlegung in Werken aus dem Codex Modena. Er konnte dabei eindrucksvoll Verbindungslinien des Textes und der musikalischen Faktur von Machauts De ma doleur über Filippotto bis hin zu Matteo da Perugia zeigen. Locatelli erkannte in den „french songs with italian model“ auch ein bis heute bestehendes Fragezeichen in der Musikgeschichtsschreibung. Die darauffolgende Diskussion fokussierte konstruierte Nationalstile in der mittelalterlichen Musikforschung, heute schwer nachzuvollziehende Transferprozesse und die Frage, wie diesen Phänomenen wissenschaftlich adäquat begegnet werden kann.

An dieses Thema knüpfte sodann der Vortrag von Alexandros Maria Hatzikiriakos (Verona) mit dem Titel „Sound and Identity in the Cretan Renaissance“ an. Kreta gehörte von 1211 bis 1699 zu den Herrschaftsgebieten der Republik Venedig. Dennoch sei es erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einem fruchtbaren Transfer zwischen der italienischen und griechischen Kultur gekommen. Hatzikiriakos diskutierte zunächst den Renaissance-Begriff für Kreta und verstand ihn eher als Rezeption denn als natives Phänomen. Der westliche Einfluss zeige sich in der Rezeption der Musikpraxis und -theorie, in der Liturgie sowie in der Bühnenmusik bei Theateraufführungen. Auch in der Literatur manifestiere sich der westliche, insbesondere der italienische Einfluss, was Hatzikiriakos an einigen literarischen Werken festmachte, die aus dem Italienischen ins Griechische übersetzt wurden – beispielsweise Tassos Gerusalemme liberata und Guarinis Pastor fido. Während in vorangegangen Untersuchungen meist Kunst und Literatur im Fokus standen, interessierte Hatzikiriakos vor allem die Frage, welche Rolle Musik und Sound für die Identität von venezianisch-griechischen Intellektuellen spielten. Dies zeigte er exemplarisch an dem Gedicht Erotokritos, das Vintsentzos Kornaros Ende des 16. Jahrhunderts verfasst hat. Der Protagonist Erotokritos ist ein junger Ritter, gelehrter Sänger und Komponist und verkörpert somit den intellektuellen kretischen Städter. Die Diskussionsrunde stellte die kulturellen Differenzen zwischen dem Mittelmeerraum und dem europäischen Festland heraus. Während die Renaissance vor allem in den Landesmetropolen als Wiederentdeckung der klassischen Antike verstanden wurde, gab es zahlreiche Mittelmeerinseln, in denen die antiken Überlieferungen nie als vergessen galten. Es entstand eine parallele Entwicklung, von der im heutigen Wissenschaftsbetrieb hauptsächlich die des Festlandes im Fokus steht.

Den letzten Vortrag des Vormittags hielt Chantal Köppl (Mainz). Unter dem Titel „Roman Missae de feria in Papal manuscripts c. 1500“ stellte sie die Forschungsergebnisse ihrer Masterarbeit vor, in der sie sich intensiv der Missa de feria gewidmet hatte – einem Messentypus, der je nach Position des jeweiligen Tages im Kirchenjahr stark variieren konnte. Ihren Vortrag begann sie mit der Frage, wann die Missae de feria mutmaßlich gesungen werden sollten. Dabei sei zwischen der „ordinary feria“, die an gewöhnlichen Wochentagen praktiziert wurde, sowie der „proper feria“, die für Wochentage in besonderen Perioden des Kirchenjahres gedacht war, zu unterscheiden. Hier stellte sie auch die Frage, ob die dreiteilige beziehungsweise fünfteilige Form einen Hinweis auf eine bestimmte Verwendungstendenz gebe. Durch die verschiedenen Anlässe entstanden zahlreiche Ferialmessen, die ein enormes Spektrum an verschieden kombinierten Messteilen und Ausgestaltungen aufweisen. Bei der Auswertung der frühneuzeitlichen Quellen beschäftigte Köppl sich unter anderem mit den Missae de feria von Mattheo Pipelare, Pierre de la Rue sowie Antoine de Févin. Einen weiteren Schwerpunkt in ihrem Vortrag bildete die Überlieferungsproblematik der Messteile, die aufgrund der verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten auf viele Quellen verteilt sind. An die überlieferten Missae de feriae lasse sich darüber hinaus die Frage nach der Verwendung von Polyphonie innerhalb der Messe für gewöhnliche Wochentage stellen. Die abschließende Diskussion fokussierte die regionalen Unterschiede der Ferialmessen und zog das Fazit, einen Messtypus nicht zwangsläufig durch den Namen kategorisieren zu können.

Die Tagung bot einen vielfältigen Einblick in die Musikkulturen vor 1600. An jeden Vortrag schloss sich – trotz der überschaubaren Besucherzahl – eine lebhafte Diskussion an. Zu betonen bleibt vor allem die Chance für den wissenschaftlichen Nachwuchs, eigene Erkenntnisse umfangreich zu präsentieren und mit Fachpublikum in Diskussion zu treten. Auch im Sommer 2020 wird die Reihe fortgesetzt; der Ort wird auf www.musikvor1600.de rechtzeitig bekanntgegeben.