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22. - 23. November 2019

[English version below]

Klang der Macht – Macht des Klangs in Gesellschaften und Medien der Vormoderne

26. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung

(Jena, 22.–23. November 2019)

Die Beziehungen von Macht und Klang sind vielfältig. Die höchste denkbare Macht, Gott, äußert sich nach biblischer Tradition in lautstarkem Klang (II Sm 22,14; Iob 37,2–5; Apc 1,10) wie auch in Stille (III Rg 19,12); tiefste Ohnmacht geht ebenfalls mit beiden Extremen einher (Mc 15,37; Act 8,32). Jenseits solcher Koordinaten bestehen für Verhältnisse von Klang und Macht zwei, nicht immer konträre, Möglichkeiten: Klang kann der Macht (etwa eines Herrschers) dienstbar ge-macht werden; und Klang kann seinerseits selbst (auch gegen Menschen gerichtete) Macht be-sitzen. Gegenstand der Tagung sind die skizzierten Verhältnismöglichkeiten von Macht und Klang in Vorstellungen vormoderner Gesellschaften, wie sie sich aus materiellen Zeugnissen sowie Schrift- und Bildmedien erschließen lassen. 

Unterschiedlichste Phänomene können in die umrissenen Relationen eingeordnet werden; heu-ristisch bietet sich dabei zunächst ein offenes Verständnis der Begriffe ‚Macht‘ (von subjektori-entierten Konzepten bis zu strukturalen Aktantenmodellen) und ‚Klang‘ (zu den aktuellen Sound-Studies z. B. Daniel Morat u. Hansjakob Ziemer, zum ‚audible turn‘ Jürgen Müller; William Layher) an, die für den konkreten Fall näher zu bestimmen sind. Einerseits wird menschliche Macht von lautstarkem Klang untermalt, etwa wenn Herrscher- oder Bischofs-Adventus, Reliquientranslati-onen, Wahl oder Krönung mit Musik, Glockengeläut, Klatschen, Waffenlärm u. Ä. begleitet wer-den. Die Funktionen des Klangs reichen dann von der Dekoration bis hin zum „immaterielle[n] Herrschaftszeichen“ (Andreas Wagner). In jedem Fall stellt sich die Frage, wann Klang als reprä-sentativer Spiegel oder Mittel der Beanspruchung, der Demonstration oder der Durchsetzung von Macht betrachtet wird – und ob Klang auf oder jenseits dieser Skala selbst Macht zugeschrie-ben wird. Wenn Krieger im Kampf einen Schlachtruf führen und musikalische Geräusche von In-strumenten (Signalhörner etc.) tönen lassen, dient dies zum einen ihrer eigenen Ermutigung, zum anderen der Einschüchterung des Gegners. Hier sind die Klänge nicht nur repräsentativ, sondern werden zur Machtgewinnung instrumentalisiert. Ganz direkt sind in der biblischen Darstellung die Posaunen und das Geschrei, die zusammen die Mauern Jerichos zum Einsturz bringen, mäch-tiges Kriegsmittel (Ios 6). Hier erhält der Klang selbst Handlungsmacht, wenn auch als Werkzeug der Menschen. So finden Klänge auch als quasi-magische Machtmittel Anwendung, wie beim von Hrabanus Maurus berichteten Brauch, im Falle einer Mondfinsternis mit Geschrei und Geheul den Mond zurückzuholen (‚Homiliae de festis praecipuis‘, PL 110 78f.). Als segensreiche Wirk-macht gilt das Geläut von Glocken, die etwa gebärenden Frauen umgehängt und für Kranke zum Klingen gebracht werden. Die Macht der Musik wiederum, nicht nur zu heilen (I Sm 16,14–23), sondern auch zu verführen, ist ein Topos und spiegelt sich in päpstlicher Kritik an und Ordensver-boten von polyphonem Gesang in der Liturgie – offenbar besitzt der Klang Verführungsmacht unabhängig vom Text wie auch von einer Instrumentalisierung durch menschliche Akteure. Der durch ‚tönende Automaten‘ (Reinhold Hammerstein) vermeintlich von selbst hervorgebrachte Klang erscheint den faszinierten Zuhörern der Vormoderne als buchstäblich ungeheure Macht. Nachweisbare Macht auf den Körper übt der „Tonraum[]“ der romanischen und gotischen Kir-chenarchitektur aus, in dem die Akustik verstärkt ist und die langen Nachhallzeiten zu feierlich verlangsamter Artikulation zwingen; in diesem außeralltäglichen „akustische[n] Umraum“, der die Lokalisierbarkeit von Schallquellen auflöst, also zum ‚Umschlossensein von Klang‘ führt, ver-ändern sich Herzfrequenz, Atemrhythmus und Zeitempfinden (Horst Wenzel). Als eigenständige Wirkmacht richtet sich Klang u. a. in Form von Naturgewalten gegen die Menschen: Allein der Krach des Donners im Quellenreich des ‚Iwein‘ Hartmanns von Aue wirft einen starken Ritter zu Boden (V. 650–652); im ‚Lanzelet‘ Ulrichs von Zatzikhoven geht die Lebensgefahr des ‚Schreien-den Moores‘ nicht allein von der Hitze, sondern explizit auch vom Lärm aus, der den Tieren den Tod bringt (V. 7062–7065). Klang hat dann tödliche Macht und ‚agency‘. Wie es sich mit Stille und leisem Klang verhält, wäre zu fragen. 

Mit solchen Vorstellungen der Macht von Klang in Verbindung zu sehen ist die mittelalterliche Auffassung von Klang als etwas, das im Raum mobil ist (z. B. Bonifatius-Brief 115, MGH Epist.sel. 1 [Klang durch Himmelsschalen hindurch]; Johannes de Muris: ‚Notitia artis musicae‘) und der Materialität zumindest nahesteht, wie in musiktheoretischen Reflexionen festgehalten wird (‚materialior‘ im Vergleich mit Zahlen nach Robert Kilwardby). Damit wendet sich die Tagung auch der vormodernen Theoretisierung von Klangphänomenen zu. Im wissenschaftlichen Diskurs der Vormoderne zeichnet sich besonders seit Boethius eine Marginalisierung des Klangs, auch der Musik, zugunsten abstrakter Zahlenverhältnisse ab; denn hinter den ephemeren und für die Wahrnehmung unzuverlässigen Klangphänomenen ständen ‚schöne‘ berechenbare mathemati-sche Prinzipien. Die Praxis, das Klangerleben, bleibt der rechnenden Theorie damit begründet untergeordnet. Wird diese Wissenschaft nach Foucaults Diskursbegriff als determinierende, dis-ziplinierende, als Zwang wirkende Ordnungsstruktur gesehen, steht die Macht hier nicht auf der Seite des Klangs. – Die räumlich-empirische und quasi-materielle Qualität von Klang impliziert andererseits auch Potenziale der Visualisierung von Macht-Klang-Verhältnissen im an sich ‚stil-len‘ Medium Bild, so etwa bei Gottes Wirkmacht im Grußwort an Maria (z. B. Benedetto Bonfigli; Verduner Altar Klosterneuburg).

Klang und Macht durchdringen also viele Bereiche des mittelalterlichen Lebens: Alltag und Ast-ronomie, Frömmigkeit und Kirche, Krieg und Politik, Medizin und Physiologie. Wie klingt die Macht, wie mächtig ist der Klang? Die im Titel implizierte doppelte Frageperspektive zielt darauf, die vielfältigen Relationen, Skalierungen und Polarisierungen herauszuarbeiten, die sich zwischen den Kategorien Klang und Macht entspinnen können. Im Netz der komplexen Beziehungen von Klang und Macht bieten sich einige systematisierende Knotenpunkte an, von denen ausgehend weiterführende Fragestellungen entwickelt werden könnten: Produktion und Rezeption, Raum und Zeit, Lärm vs. Musik, Emotionen, (Im)Materialität, Medialität, Performativität, Ritual, Zere-moniell usw.

Die interdisziplinäre Tagung begrüßt Beiträge aus sämtlichen Fächern der Vormoderne-For-schung, insbesondere auch von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaft-lern. Sie ist fachöffentlich und bedarf keiner Einladung. Um Anmeldung wird jedoch aus organi-satorischen Gründen gebeten. Die Vorträge dürfen eine Dauer von 30 Minuten haben. Die Reise-kosten der Vortragenden können übernommen werden. Tagungssprachen sind Deutsch und Eng-lisch; Tagungsort ist die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Wir bitten alle an einem Vortrag Inte-ressierten, bis zum 31.05.2019 ein kurzes Exposé einzusenden (Kontakt: このメールアドレスはスパムボットから保護されています。閲覧するにはJavaScriptを有効にする必要があります。; このメールアドレスはスパムボットから保護されています。閲覧するにはJavaScriptを有効にする必要があります。).

 


[English version]

Sound of Power – Power of Sound in premodern societies and media

Brackweder Arbeitskreis für Mittelalterforschung, 26th annual conference

(Jena, 22nd – 23rd November 2019)

Relationships between power and sound are multidimensional. According to biblical tradition, the highest imaginable power, God, becomes manifest in loud sound (II Sm 22,14; Iob 37,2–5; Apc 1,10) as well as in silence (III Rg 19,12); deep powerlessness can be accompanied by both extremes, too (Mc 15,37; Act 8,32). There are two linked possibilities concerning the relation-ship between power and sound: power (e.g. of a sovereign) can make use of sound; and sound can possess power itself, even directed against humans. Such relations between power and sound in premodern societies, as they can be deduced from material evidence as well as from visual and written media, are the conference’s topic.

The two possible relationships between power and sound mentioned above can include vari-ous phenomena if one defines the terms ‘power’ (from subject-oriented concepts to structural actor models) and ‘sound’ (for current research regarding sound studies see e. g. Daniel Morat and Hansjakob Ziemer, regarding the ‘audible turn’ see Jürgen Müller; William Layher) in the widest sense. These terms then need to be specified in each case.

On the one hand, loud sound accompanies human power, e. g. when music, bells, applause, rattle of arms etc. go along with the ‘adventus’ of a sovereign or bishop, translation of relics, election or coronation. Here, the roles of sound range from decoration to ‘immaterial regalia’ (Andreas Wagner). We will investigate at what times sound is considered as a representative mirror or as a means for claiming, demonstrating or enforcing power – and also whether power is attributed to sound itself. Warriors use battle cries and instrumental noises (horns etc.) on the one hand to encourage themselves and on the other hand to intimidate the en-emy. In this case, sounds are not only prestigious, but also instruments to gain power. Plainly, the trombones and the shouting which together make the walls of Jericho collapse, are im-portant means of war in the Bible (Ios 6). Here, sound itself gains agency, albeit as people’s instrument. Sounds are also used as quasi-magical instruments of power, as in the custom to ‘retrieve’ the moon in the event of a lunar eclipse by shouting and howling, which is reported by Hrabanus Maurus (‘Homiliae de festis praecipuis’, PL 110,78f.). Furthermore, benedictory power is attributed to chimes, which is why bells were put on women giving birth and why they were rung for sick people. The power of music not only to heal (I Sm 16,14–23), but also to ensnare is a topos that is mirrored in pontifical criticism and religious orders’ bans of poly-phonic vocals in liturgy. Sound’s power to ensnare therefore appears to be independent of text or of human intention. For premodern listeners, the supposedly self-produced sound of automata seems to be a literally tremendous power (Reinhold Hammerstein). The „Tonraum [soundscape]“ of Romanic and Gothic church architecture wields traceable power over the body, insofar as it amplifies acoustics and the long-lasting, reverberant sounds force speakers to articulate solemnly and slowly. This exceptional “acoustic enclosure”, where acoustic sources cannot be located and which surrounds people with sound, changes humans’ heartrate and breath as well as perception of time change (Horst Wenzel). As an autonomous power, sound is directed against people, e.g., in the form of the forces of nature. The very noise of thunder knocks a strong knight to the ground in Hartmann von Aue’s ‘Iwein’ (v. 650–652); in Ulrich von Zatzikhoven’s ‘Lanzelet’, the ‘screaming marsh’ is deadly not only because of its heat, but explicitly because of its sound, too, which causes the animals’ death (v. 7062–7065). So sound has deadly power and agency. What properties are attributed to silence and low sounds is another question.

Such notions of sound need to be seen in connection with contemporary sound theories. For in medieval times, sound is considered as something mobile in space (e.g. Boniface Letter 115, MGH Epist. sel. 1 [sound across the celestial shells]; Johannes de Muris: ‘Notitia artis musicae’) and in music theory as something at least close to materiality (‘materialior’ in comparison with numbers according to Robert Kilwardby). In premodern scientific discourses (especially since Boethius), sound, even in music, is marginalised in favour of abstract numerical proportions. Ephemeral and perceptually unreliable sound phenomena were explained by ‘beautiful’ com-putable mathematical principles. As a result, praxis, the experience of sound, remains subor-dinated to computing theory. If we follow Foucault in seeing science as a disciplining order and power structure, then sound is not on the side of power in this case. Because of its spacial-empiric and quasi-material quality of sound, however, the power of sound can also be visual-ised in the ‘quiet’ pictorial medium, for instance, God’s power in the Angelic Salutation to Maria (e. g. Benedetto Bonfigli; Verdun altar Klosterneuburg).

Sound and power pervade many areas of medieval life: everyday life and astronomy, piety and church, war and politics, medicine and physiology. What does power sound like, and how powerful is sound? The double perspective implied in the title of the conference aims to work out the web of complex relationships between sound and power, including as central nodes questions of production and reception, space and time, noise vs. music, emotion, (im)materi-ality, mediality, performativity, ritual and ceremony.

We welcome contributions from all disciplines and interdisciplinary areas in the field of pre-modern studies, especially from early career researchers. The conference is public and re-quires no invitation, but registration is requested for organisational purposes. Talks should last 30 minutes and can be held in German and English. Speakers’ travel expenses can be re-funded. The conference will take place at the Friedrich-Schiller-Universität Jena. Please send an abstract by 31th May 2019 (contact: このメールアドレスはスパムボットから保護されています。閲覧するにはJavaScriptを有効にする必要があります。; このメールアドレスはスパムボットから保護されています。閲覧するにはJavaScriptを有効にする必要があります。).

 

 

 

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Klang der Macht – Macht des Klangs in Gesellschaften und Medien der Vormoderne
26. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung
(Jena, 22.–23. November 2019)
Die Beziehungen von Macht und Klang sind vielfältig. Die höchste denkbare Macht, Gott, äußert sich nach biblischer Tradition in lautstarkem Klang (II Sm 22,14; Iob 37,2–5; Apc 1,10) wie auch in Stille (III Rg 19,12); tiefste Ohnmacht geht ebenfalls mit beiden Extremen einher (Mc 15,37; Act 8,32). Jenseits solcher Koordinaten bestehen für Verhältnisse von Klang und Macht zwei, nicht immer konträre, Möglichkeiten: Klang kann der Macht (etwa eines Herrschers) dienstbar ge-macht werden; und Klang kann seinerseits selbst (auch gegen Menschen gerichtete) Macht be-sitzen. Gegenstand der Tagung sind die skizzierten Verhältnismöglichkeiten von Macht und Klang in Vorstellungen vormoderner Gesellschaften, wie sie sich aus materiellen Zeugnissen sowie Schrift- und Bildmedien erschließen lassen.
Unterschiedlichste Phänomene können in die umrissenen Relationen eingeordnet werden; heu-ristisch bietet sich dabei zunächst ein offenes Verständnis der Begriffe ‚Macht‘ (von subjektori-entierten Konzepten bis zu strukturalen Aktantenmodellen) und ‚Klang‘ (zu den aktuellen Sound-Studies z. B. Daniel Morat u. Hansjakob Ziemer, zum ‚audible turn‘ Jürgen Müller; William Layher) an, die für den konkreten Fall näher zu bestimmen sind. Einerseits wird menschliche Macht von lautstarkem Klang untermalt, etwa wenn Herrscher- oder Bischofs-Adventus, Reliquientranslati-onen, Wahl oder Krönung mit Musik, Glockengeläut, Klatschen, Waffenlärm u. Ä. begleitet wer-den. Die Funktionen des Klangs reichen dann von der Dekoration bis hin zum „immaterielle[n] Herrschaftszeichen“ (Andreas Wagner). In jedem Fall stellt sich die Frage, wann Klang als reprä-sentativer Spiegel oder Mittel der Beanspruchung, der Demonstration oder der Durchsetzung von Macht betrachtet wird – und ob Klang auf oder jenseits dieser Skala selbst Macht zugeschrie-ben wird. Wenn Krieger im Kampf einen Schlachtruf führen und musikalische Geräusche von In-strumenten (Signalhörner etc.) tönen lassen, dient dies zum einen ihrer eigenen Ermutigung, zum anderen der Einschüchterung des Gegners. Hier sind die Klänge nicht nur repräsentativ, sondern werden zur Machtgewinnung instrumentalisiert. Ganz direkt sind in der biblischen Darstellung die Posaunen und das Geschrei, die zusammen die Mauern Jerichos zum Einsturz bringen, mäch-tiges Kriegsmittel (Ios 6). Hier erhält der Klang selbst Handlungsmacht, wenn auch als Werkzeug der Menschen. So finden Klänge auch als quasi-magische Machtmittel Anwendung, wie beim von Hrabanus Maurus berichteten Brauch, im Falle einer Mondfinsternis mit Geschrei und Geheul den Mond zurückzuholen (‚Homiliae de festis praecipuis‘, PL 110 78f.). Als segensreiche Wirk-macht gilt das Geläut von Glocken, die etwa gebärenden Frauen umgehängt und für Kranke zum Klingen gebracht werden. Die Macht der Musik wiederum, nicht nur zu heilen (I Sm 16,14–23), sondern auch zu verführen, ist ein Topos und spiegelt sich in päpstlicher Kritik an und Ordensver-boten von polyphonem Gesang in der Liturgie – offenbar besitzt der Klang Verführungsmacht unabhängig vom Text wie auch von einer Instrumentalisierung durch menschliche Akteure. Der durch ‚tönende Automaten‘ (Reinhold Hammerstein) vermeintlich von selbst hervorgebrachte Klang erscheint den faszinierten Zuhörern der Vormoderne als buchstäblich ungeheure Macht. Nachweisbare Macht auf den Körper übt der „Tonraum[]“ der romanischen und gotischen Kir-chenarchitektur aus, in dem die Akustik verstärkt ist und die langen Nachhallzeiten zu feierlich
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verlangsamter Artikulation zwingen; in diesem außeralltäglichen „akustische[n] Umraum“, der die Lokalisierbarkeit von Schallquellen auflöst, also zum ‚Umschlossensein von Klang‘ führt, ver-ändern sich Herzfrequenz, Atemrhythmus und Zeitempfinden (Horst Wenzel). Als eigenständige Wirkmacht richtet sich Klang u. a. in Form von Naturgewalten gegen die Menschen: Allein der Krach des Donners im Quellenreich des ‚Iwein‘ Hartmanns von Aue wirft einen starken Ritter zu Boden (V. 650–652); im ‚Lanzelet‘ Ulrichs von Zatzikhoven geht die Lebensgefahr des ‚Schreien-den Moores‘ nicht allein von der Hitze, sondern explizit auch vom Lärm aus, der den Tieren den Tod bringt (V. 7062–7065). Klang hat dann tödliche Macht und ‚agency‘. Wie es sich mit Stille und leisem Klang verhält, wäre zu fragen.
Mit solchen Vorstellungen der Macht von Klang in Verbindung zu sehen ist die mittelalterliche Auffassung von Klang als etwas, das im Raum mobil ist (z. B. Bonifatius-Brief 115, MGH Epist.sel. 1 [Klang durch Himmelsschalen hindurch]; Johannes de Muris: ‚Notitia artis musicae‘) und der Materialität zumindest nahesteht, wie in musiktheoretischen Reflexionen festgehalten wird (‚materialior‘ im Vergleich mit Zahlen nach Robert Kilwardby). Damit wendet sich die Tagung auch der vormodernen Theoretisierung von Klangphänomenen zu. Im wissenschaftlichen Diskurs der Vormoderne zeichnet sich besonders seit Boethius eine Marginalisierung des Klangs, auch der Musik, zugunsten abstrakter Zahlenverhältnisse ab; denn hinter den ephemeren und für die Wahrnehmung unzuverlässigen Klangphänomenen ständen ‚schöne‘ berechenbare mathemati-sche Prinzipien. Die Praxis, das Klangerleben, bleibt der rechnenden Theorie damit begründet untergeordnet. Wird diese Wissenschaft nach Foucaults Diskursbegriff als determinierende, dis-ziplinierende, als Zwang wirkende Ordnungsstruktur gesehen, steht die Macht hier nicht auf der Seite des Klangs. – Die räumlich-empirische und quasi-materielle Qualität von Klang impliziert andererseits auch Potenziale der Visualisierung von Macht-Klang-Verhältnissen im an sich ‚stil-len‘ Medium Bild, so etwa bei Gottes Wirkmacht im Grußwort an Maria (z. B. Benedetto Bonfigli; Verduner Altar Klosterneuburg).
Klang und Macht durchdringen also viele Bereiche des mittelalterlichen Lebens: Alltag und Ast-ronomie, Frömmigkeit und Kirche, Krieg und Politik, Medizin und Physiologie. Wie klingt die Macht, wie mächtig ist der Klang? Die im Titel implizierte doppelte Frageperspektive zielt darauf, die vielfältigen Relationen, Skalierungen und Polarisierungen herauszuarbeiten, die sich zwischen den Kategorien Klang und Macht entspinnen können. Im Netz der komplexen Beziehungen von Klang und Macht bieten sich einige systematisierende Knotenpunkte an, von denen ausgehend weiterführende Fragestellungen entwickelt werden könnten: Produktion und Rezeption, Raum und Zeit, Lärm vs. Musik, Emotionen, (Im)Materialität, Medialität, Performativität, Ritual, Zere-moniell usw.
Die interdisziplinäre Tagung begrüßt Beiträge aus sämtlichen Fächern der Vormoderne-For-schung, insbesondere auch von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaft-lern. Sie ist fachöffentlich und bedarf keiner Einladung. Um Anmeldung wird jedoch aus organi-satorischen Gründen gebeten. Die Vorträge dürfen eine Dauer von 30 Minuten haben. Die Reise-kosten der Vortragenden können übernommen werden. Tagungssprachen sind Deutsch und Eng-lisch; Tagungsort ist die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Wir bitten alle an einem Vortrag Inte-ressierten, bis zum 31.05.2019 ein kurzes Exposé einzusenden (Kontakt: このメールアドレスはスパムボットから保護されています。閲覧するにはJavaScriptを有効にする必要があります。; このメールアドレスはスパムボットから保護されています。閲覧するにはJavaScriptを有効にする必要があります。).
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