Tagungsberichte

In dieser Rubrik finden Sie Berichte über vergangene Tagungen & Kongresse folgender Jahrgänge:

 

 

Die fünf neuesten Berichte:

 

 

Shanghai, 8. bis 11. November 2017

2017 International Forum on the Construction of Music Theory

von Gesine Schröder, Leipzig / Wien

Anlässlich seines 90-jährigen Bestehens richtete das von dem Riemann-Schüler Xiao Youmei mitbegründete Konservatorium Shanghai im November 2017 ein Forum aus, zu welchem 23 Rednerinnen und Redner – nicht aus der ganzen Welt, aber aus China, Deutschland, England, Frankreich, Österreich und den Vereinigten Staaten – geladen waren. Das Generalthema des Forums lautete „China and the World: The Thinking and Ideology of Music Theory and Graduate Education“. Die drei Unterthemen waren „Trend and development of culture and ideology-based music theory“, „New thinking, new methods, and new technologies of music theory research in the 20th century“ und „Graduate education and graduate programme development for music theory-related disciplines“. Aus allen Landesteilen Chinas waren Musiktheoretikerinnen und Musiktheoretiker angereist, um an dem Forum teilzunehmen. Das für musiktheoretische Veranstaltungen ungewöhnlich große Publikum nutzten ehemalige Absolventinnen und Absolventen der wichtigsten chinesischen Konservatorien offenbar flugs für Klassentreffen. Der Optimismus, den das General- und die Unterthemen verbreiteten, war für die Geladenen ein Signal, sich mit Reflexionen über vergangene Theorien nicht lange aufzuhalten. Profitieren will man am Konservatorium Shanghai von jüngst erfundenen musiktheoretischen Forschungsmethoden, allerneuesten Analysetechniken und von zukunftsträchtigen Studienprogrammen. Betont wird Ideologie – verstanden als geistige Haltung oder Weltanschauung, nicht als falsches Bewusstsein –, ein vorauseilender Tribut an die städtische Erziehungskommission Shanghais, welche Rückbesinnungen marxistischen Anstrichs offensichtlich neuerdings begrüßt und dem Konservatorium bei deren Ausbleiben die großzügige finanzielle Unterstützung womöglich entzogen hätte. So aber fühlten sich die Gäste des Konservatoriums Shanghai als Kaiserinnen und Kaiser von China: Reisekosten wurden übernommen, ein Luxushotel gleich neben dem Konferenzraum war da, man hatte immerwährende studentische Unterstützung und wurde über Kopfhörer durchgehend mit Simultan-Übersetzungen der chinesischen Vorträge und Diskussionsbeiträge versorgt. Was will man mehr? 続きを読む...

Wrocław, 12. bis 13. Dezember 2017

Analiza dzieła muzycznego. Historia – theoria – praxis / Musical Analysis. Historia – Theoria – Praxis

von Gesine Schröder, Leipzig / Wien

Der fünften Ausgabe der alle zwei Jahre an der Musikakademie „Karol Lipiński“ in Wrocław stattfindenden Konferenzserie zur musikalischen Analyse, organisiert von Anna Granat-Janki, der Inhaberin des dortigen Lehrstuhls für Musiktheorie und schlesische Musikkultur, waren ein Konzert und eine Ausstellung beigegeben. Anlässlich von Karol Szymanowskis 80. Todestag widmeten diese sich dessen Werk und Leben. Studierende und Lehrende der Musikakademie spielten und sangen in beachtlicher Qualität zwischen 1900 und 1929 entstandene Werke für Klavier solo, für Geige und Klavier, Klavierlieder und einen Chorzyklus, die nebenbei auch zu semiotischen Anstrengungen einluden. Damit ist ein zentrales Interesse der neueren polnischen Musiktheorie angedeutet: Intertextuelle und transmediale Studien liegen seit Längerem in ihrem Hauptinteresse. Zahlreiche Forscherinnen und Forscher aus Polen nahmen an der Konferenz teil, hinzu kamen Vortragende aus Belgien, Brasilien, Deutschland, Litauen, Österreich, der Slowakei, Ungarn und den Vereinigten Staaten. Was bewirkt die Übertragung von Musik in ein anderes künstlerisches Medium und umgekehrt? Wie funktionieren intersemiotische Übersetzungen eines visuellen Zeichensystems in ein akustisches? Interdiskurse und die Theorie der Topics wurden bemüht. Um musikalische Bedeutung zu konstruieren, griffen die Vortragenden vorzugsweise zu semiotischen Analysewerkzeugen. 続きを読む...

Stuttgart, 16. bis 18. November 2017

Die Kantate: Quellen, Repertoire und Überlieferung im deutschen Südwesten 1700-1770

von Jörg Holzmann und Frithjof Vollmer, Stuttgart

Obwohl die Geschichte der lutherischen Kirchenmusik im 18. Jahrhundert maßgeblich von der Kantate geprägt wurde, konzentrierte sich die Erforschung dieser Gattung bislang auf den nord- und mitteldeutschen Raum – so Joachim Kremer (Stuttgart) über die Motivation für diese Tagung. Denn zahlreiche nachweisbare und überlieferte Quellen geben Anlass, auf die Entwicklung der Gattung in Südwestdeutschland zwischen 1700 und 1770 aufmerksam zu machen. Die Kooperation zwischen der Hochschule für Musik und darstellende Kunst, der Universität Stuttgart (Abteilung Landesgeschichte) und dem Landeskirchlichen Archiv bot die Möglichkeit zum interdisziplinären Austausch, der sich in drei Themenkomplexen entfaltete, beginnend zunächst mit einer Einordnung der Kantate in den kirchen- und frömmigkeitsgeschichtlichen Kontext. 続きを読む...

Bremen, 15. bis 17. November 2017

Stand und Perspektiven musikwissenschaftlicher Homosexualitätsforschung

von Eva Rieger, Vaduz

Das von Michael Zywietz organisierte Symposion des Instituts für Kunst- und Musikwissenschaft an der Hochschule für Künste Bremen bot angesichts der bisherigen Vernachlässigung des Forschungsfelds in deutschen Landen eine erfreuliche Themenvielfalt. Nach einer Übersicht über den Stand der Forschung (Eva Rieger) wurde die Frage nach Theodor W. Adornos Einstellung gegenüber Homosexuellen geklärt (Bernd Feuchtner): Adorno konnte kein Fehlverhalten nachgewiesen werden. Der Fall Nicolas Gombert, Kapellmeister am Hofe Karls V., der wegen Sodomie bestraft wurde, beschäftigte Michael Zywietz, der die These vertrat, dass die kirchliche Seite Gnade walten ließ – eine Erkenntnis, die quer zu den bisherigen Auffassungen steht, aber durch akribische Forschung nachgewiesen wurde. Juana Zimmermann stellte Brittens Vokalkompositionen für Peter Pears vor. Das Paar konnte sich damals nicht zueinander bekennen, lebte und schuf aber in freiheitlicher Atmosphäre. Cornelia Bartsch spürte homoerotische Narrative in Leben und Werk Ethel Smyths auf, sprach von „querständigen Spuren“ in der Musik und verdeutlichte, wie Smyth an der Dekonstruktion von Weiblichkeitsmythen beteiligt war. Mit dem Beitrag „Zum Leben und Wirken der Pianistin Smaragda Eger-Berg“ zeigte Anna Ricke Bilder, Rollen und Räume einer homosexuellen Künstlerin, deren Nachlass wohl nur vorhanden ist, weil sie die Schwester Alban Bergs war. Rebecca Grotjahn konnte zum Thema „Countertenöre zwischen Querständigkeit und Heteronormativität“ Erhellendes zu den Stimmfächern beitragen, die zwischen den Geschlechtern weitaus weniger unterscheidbar sind, als man vermuten würde. Hans-Joachim Hinrichsen referierte aus klassisch musikologischer Perspektive die lebhaft-erregte Diskussion um 1990 in den USA über eine mögliche Homosexualität Franz Schuberts und billigte dieser Interpretation eine gewisse Berechtigung zu, insofern es zur Normalität gehört, Musik im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu zu interpretieren. In der Diskussion wurde betont, wie wichtig diese Entwicklung für die Anerkennung einer schwulen Rezeption damals war, da sie neue Fragen zum Begriff der Identität berührte, und damit erkenntnistheoretische Türen öffnete. Kevin Clarke gab einen Überblick über die Beschäftigung mit dem Thema Sexualität in der Operette in der neueren Forschungsliteratur. Nach der Entsexualisierung in der NS-Zeit nahm auch die Nachkriegszeit das umfangreiche historische Quellenmaterial zu Sexualität und Operette nicht zur Kenntnis. In den USA werden Fragen zu Gender und (Homo)sexualität längst wissenschaftlich behandelt. Anno Mungen referierte über „Oper und Homosexualität, Bayreuth und der Nationalsozialismus“, wobei er die in Bayreuth relevanten Diskurse 1900-1945 besprach und am Beispiel von Wieland Wagner widersprüchliche Konstruktionen von Männlichkeit aufzeigte. Ein Vortrag von Beatrix Borchard zur Problematik von Kategorisierungen und Markierungen von Geschlecht und sexueller Orientierung in Lexika fiel wegen Krankheit leider aus; Martina Bick konnte aber wenigstens Beispiele von sogenannten „Männerseiten“ der Forschungsplattform Musik(vermittlung) und Gender(forschung) im Internet zur Diskussion stellen. 続きを読む...

Hamburg, 10. bis 11. November 2017

Hamburger „Gottseligkeit“. Thomas Selle und die geistliche Musik im 17. Jahrhundert

von Friederike Janott, Hamburg

Thomas Selle, der mit seinem Antritt der Kantoratsstelle am Hamburger Johanneum im Jahre 1641 nicht nur eine der attraktivsten Stellen dieser Zeit bekleidete – er übernahm damit zugleich die Verantwortung für die Figuralmusik an allen Hamburger Haupt- und Nebenkirchen –, sondern Zeit seines Lebens mit einer handschriftlichen Gesamtausgabe seiner Werke aktiv an seinem künstlerischen Nachleben arbeitete, ist heute nur noch wenigen bekannt. 282 geistliche Kompositionen umfassen seine Opera omnia, die er 1659 der Städtischen Bücherei Hamburg übergab und die heute noch in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky liegen. Der editorischen Erschließung dieser Werke widmet sich ein von Prof. Dr. Ivana Rentsch geleitetes DFG-Projekt, das voraussichtlich im Oktober 2018 mit der Online-Publikation der 282 kritisch edierten Werke abgeschlossen sein wird. In diesem Rahmen veranstaltete das Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg eine internationale Tagung. Eröffnet wurde sie von Ivana Rentsch (Hamburg), die in ihrem Vortrag Selles geistliche Kompositionen seiner Hamburger Zeit und deren Durchdringung von weltlichen und geistlichen Prämissen im Hinblick auf Wirkungsästhetik und theologischer Verortung untersuchte. Es folgten Vorträge von Reinmar Emans (Hamburg), der Einblicke in die professionellen Musikernetzwerke in der nord- und mitteldeutschen Musiklandschaft zur Zeit Selles gab, und Michael Maul (Leipzig), der auf der Grundlage einer ausführlichen Darstellung der Organisation und des Aufbaus der Leipziger Thomasschule – die Selle möglicherweise selbst besucht haben könnte – und ihrer Ähnlichkeiten zu dem Hamburger Modell die These ableitete, dass Selle die Hamburger Kirchenmusik sehr wahrscheinlich nach dem Vorbild der Leipziger Thomasschule organisierte. Dem unter dem Aspekt der Organisation von Wissensbeständen bisher wenig erforschten Korpus von Musiklehrschriften widmete sich Inga Mai Groote (Heidelberg) anhand von Selles um 1642 erschienenem Traktat Kurtze doch gründliche anleitung zur Singekunst im Kontext anderer Musiklehrschriften des 17. Jahrhunderts. 続きを読む...

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