Tagungsberichte | 2019

Freiburg, 10. und 11. Mai 2019

Kunst und Forschung – Clara Wieck Schumann zum 200. Geburtstag

von Nadja Schmitz-Arenst, Freiburg

Clara Wieck Schumann wirkte in vielen Feldern der Musik: Sie war Pianistin, Komponistin und gehörte zu den kulturellen Größen ihrer Zeit. Das zu ihrem 200. Geburtstag stattfindende Symposium stellte sich mit teilnehmenden Wissenschaftlern aus den Bereichen Musiktheorie, Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Philosophie sowie Musikern Fragen rund um das „Grosse Concert“, das Clara Wieck am 9. November 1835 im Leipziger Gewandhaus gab und reflektierte zudem ihr Wirken im Bereich Networking und als Frau in einer Zeit, in der fast nur Männer das Kulturleben prägten.

Initiiert und durchgeführt wurden Symposium und Konzert von der Hochschule für Musik Freiburg, konzipiert und geleitet von Janina Klassen (Freiburg) und Martin Günther (Frankfurt). Unterstützt wurden die Veranstaltungen von der Gesellschaft zur Förderung der Hochschule für Musik Freiburg e. V. und der Mariann Steegmann Foundation. In zwei thematischen Blöcken näherten sich die Teilnehmenden dem Konzert und Clara Wieck Schumanns künstlerischem Handeln aus verschiedenen Blickwinkeln an. Im Zentrum vieler Überlegungen stand dabei das Konzert von 1835, das am 10. Mai von der Pianistin Ragna Schirmer sowie Solisten und dem Orchester der Musikhochschule rekonstruiert und aufgeführt wurde.

Der erste Block widmete sich den verschiedenen Werken, die von Clara Wieck und Felix Mendelssohn-Bartholdy für das Konzert von 1835 ausgewählt wurden. Das Programm erscheint im Vergleich mit unseren heutigen Konzert-Gewohnheiten ungewöhnlich. Es beginnt mit Beethovens Ouvertüre zu Die Geschöpfe des Prometheus op. 43, dann folgen Clara Wiecks erstes Klavierkonzert op. 7, Recitativ und Arie „Je te bénis… sois immobile“ aus Guillaume Tell von Rossini und Mendelssohn-Bartholdys Capriccio brillant für Klavier und Orchester op. 22. Nach der Pause folgten noch drei weitere Werke: Zunächst Johann Sebastian Bachs Konzert für drei Klaviere BWV 1063, dann Rezitativ und Arie des Almaviva „Hai già vinta la causa … vedrò mentr’io sospiro“ aus Le Nozze di Figaro KV 492 und zum Schluss Große Variationen über Rossinis Die Belagerung von Korinth für Klavier solo von Henri Herz.

Die Beiträge im ersten Teil des Symposiums hatten meist Fragestellungen zu diesem Konzert zum Thema. Den Anfang machte Felix Diergarten (Freiburg) mit einigen analytischen Überlegungen zu Clara Wiecks Klavierkonzert op. 7. Nach seiner Meinung muss das Klavierkonzert im Kontext der in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstandenen Virtuosenkonzerte gesehen werden, in denen mit Form und Aufbau der Musik experimentiert wurde. Anstatt wie sonst in Kopfsätzen von Konzerten üblich, nämlich dass alle drei größeren Abschnitte (Exposition – Durchführung – Reprise) vertreten sind, verteilen sich in Clara Wiecks Klavierkonzert vor allem Durchführung und Reprise eher auf die Sätze 2 und 3. Da die Sätze in umgekehrter Reihenfolge komponiert worden sind, musste sich Clara Wieck bei der Komposition des Kopfsatzes überlegen, wie sie das thematische Material miteinander verknüpfen konnte. Die Verschränkung von Funktionen der Form, einmal innerhalb des Satzes und einmal innerhalb des gesamten Werkes, wie es in den Virtuosenkonzerten üblich war, nahm sich Clara Wieck zum Vorbild, um den Kopfsatz zu gestalten.

Cosima Linke (Saarbrücken) stellte die Frage, inwiefern musikalische Analyse als künstlerisches Handeln gelten könne und wo sich Analyse zwischen diskursivem und künstlerischem Diskurs verortet. Ihre These, dass musikalische Kunstwerke selbst ein analytisches oder reflexives Moment haben, veranschaulichte sie an intertextuellen Bezügen in der Musik von Clara und Robert Schumann sowie Johannes Brahms, die sich meist in quasi improvisatorischen, variativen oder virtuosen Elementen zeigen.

Den Fokus weg von der Musik und hin zu den Zuhörenden legte Anne Holzmüller (Freiburg) in ihrem Vortrag, in dem sie erörterte, wie die Musikwissenschaft seit den 1990er Jahren das (Zu-)Hören als Phänomen untersucht und wie sich das Verhalten und die Haltung der Zuhörenden im Konzert in den letzten Jahrhunderten geändert hat.

Zu den für heutige Konzertprogrammkenner ungewöhnlich anmutenden Rezitativen und Arien im Programm des Konzerts erklärte Martin Günther, weshalb diese Werke im 19. Jahrhundert, in dem meist die Instrumentalmusik im Konzertsaal deutlich im Fokus stand, trotzdem nicht wegzudenken waren. Dies lag unter anderem daran, dass ab den 1830er Jahren vielfach eine Spezialisierung der Singstimmen auf Lied oder Oper stattfand und die Musikwelt im Gesang vielfach Topoi wie den „Seelenklang“ sah. Nicht selten ließen sich Komponisten bei neuen Instrumentalwerken von Arien oder Liedern inspirieren.

Der erste Teil des Symposiums wurde abgeschlossen durch ein Podium zu Musikerlebnis und Reflexion mit Janina Klassen, Ragna Schirmer (Halle), Wolfgang Lessing (Freiburg), Christian Thorau (Potsdam) und Matthias Vogel (Gießen). Gemeinsam reflektierten sie ihre Erfahrungen, die sie in der Wiederaufführung des Konzertes von Clara Wieck am Vorabend gemacht hatten. Ragna Schirmer, die als Solistin des Konzerts die Sichtweise der Künstler nachvollziehen konnte, berichtete von ihren Eindrücken und der großen Herausforderung, nicht nur ein Werk, sondern gleich drei als Solistin aufzuführen. Gemeinsam überlegte das Podium, welche Umstände wohl zu der Werkauswahl von Wieck und Mendelssohn geführt haben und wie dieses Programm auf das ästhetische Empfinden des Publikums damals und heute gewirkt haben könnte.

Im zweiten Teil des Symposiums ging es vorwiegend um Formen künstlerischen Handelns, vor allem von Friedrich und Clara Wieck. Joseph Willimann (Freiburg) führte dazu aus, wie Friedrich Wieck den Klavierunterricht für seine Töchter gestaltete: Er verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz mit genug Pausen und Erholungsphasen, machte die Schwere der zu spielenden Stücke von Alter und Können seiner Schüler abhängig und stellte einen guten, sicheren Anschlag in den Mittelpunkt, der zur gewünschten Klangvorstellung führen sollte. Einige der konkreten Ansätze, so beispielsweise der Einsatz des Tempo Rubato bei Chopins Nocturne op. 9 Nr. 2 demonstrierte Hardy Rittner (Freiburg) am Flügel.

Melanie Unseld (Wien) stellte in ihrem Vortrag Clara Wieck Schumanns Netzwerk in den Mittelpunkt und reflektierte, inwiefern Netzwerken auch als künstlerisches Handeln gesehen werden kann. Sie machte dabei vor allem darauf aufmerksam, dass eine Trennung von Familie, Freunden und professionell-künstlerischem Kontakten bei Künstlern wie Clara Wieck Schumann wenig Sinn ergibt, da sie aus einer Musikerfamilie stammte; ihr Netzwerk also nicht nach derartigen Kategorien getrennt werden kann. Sie problematisierte außerdem, dass die Darstellung eines Netzwerks – egal an welchen Symbolen (häufig verwendet werden etwa Baum oder Rhizom) dies geschieht – niemals die Komplexität eines sozialen Umfeldes wirklich abbilden kann, sondern immer ein Konstrukt bleibt.

Zum Abschluss sprach Christa Brüstle (Graz) über die Musikgeschichtsschreibung in Verbindung mit Genderfragen. An verschiedenen Beispielen demonstrierte sie, wie Clara Wieck Schumann in mehreren von Männern verfassten musikgeschichtlichen Veröffentlichungen teils nur als Klaviervirtuosin, teils nur in Verbindung mit ihrem Ehemann, manchmal aber auch einfach gar nicht erwähnt wurde. Sie machte darauf aufmerksam, dass trotz des Einzuges der Genderforschung in die Musikwissenschaft in den letzten Jahrzehnten noch immer viele musikgeschichtliche Überblickswerke zwar auf Fragen der Geschlechtergerechtigkeit eingingen, aber trotzdem nur unzureichende Darstellungen von Komponistinnen aufgenommen und nur wenige Musikwissenschaftlerinnen an solchen Projekten beteiligt würden.

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