Tagungsberichte | 2018

Barcelona, 14. bis 17. November 2018

Cererols: Noves perspectives

von Isolde Deleyto Rösner, Salzburg

Anlässlich des 400. Geburtstages des katalanischen Barock-Komponisten Joan Cererols (1618-1680) veranstaltete die Societat Catalana de Musicologia einen dreitägigen Kongress. Nicht nur die Werke des Komponisten selbst waren Thema, sondern auch die Instrumentation und Aufführungspraxis im Katalonien seiner Zeit, der bisherige musikwissenschaftliche Forschungsstand, das soziale und gesellschaftliche Umfeld Cererols und einiges mehr. Nach einleitenden Grußworten durch den Koordinator des Kongresses und Dozenten an der Universitat Autònoma de Barcelona, Jordi Rifé i Santaló, und von Emili Ros-Fàbregas, Mitarbeiter des CSIC (Consejo Superior de Investigaciones Científicas), eröffnete der Beitrag „Joan Cererols (1618–1680) – 2018: Estat de la qüestió“ von Aura Porta den Kongress. Sie gab darüber Auskunft, inwieweit das Œuvre Cererols bisher erforscht wurde und welchen Stellenwert der katalanische Komponist in der Musikgeschichte seiner Heimat und Europas hat. Dabei präsentierte sie eine Vielzahl an erschienenen Publikationen über das Werk von Cererols und beschrieb potentielle Forschungsvorhaben zu dem Kapellmeister aus Montserrat, die in den nächsten Jahren vor allem von katalanischen Musikwissenschaftlern verwirklicht werden sollten.

Emili Ros-Fàbregas stellte eine im Jahre 2017 eingerichtete und laufend aktualisierte Online-Datenbank (https://hispanicpolyphony.eu) vor, die Bücher spanischer Polyphonie verzeichnet. Ziel dieser Datenbank ist es, möglichst alle einschlägigen Manuskripte und Publikationen, auch die sich im Ausland befindenden, in einem Katalog zusammenzuführen. Die Datenbank beschränkt sich nicht nur auf Quellen der Renaissance; vielmehr reichen die aufgenommenen Werke bis in die Neuzeit.

Einblick in die Arbeit des namhaften Musikwisenschaftlers und wichtigsten Herausgebers von Cererolsʼ Œuvre, David Pujol, lieferte Josep M. Salisi in seinem Beitrag „L’obra de Joan Cererols al ‚Fons Verdú‘ de la Biblioteca de Catalunya. El pare David Pujol i la publicació a Mestres de l’Escolania de Montserrat“. Im nachfolgenden Referat „Les representacions de la Mare de Déu de Montserrat amb els escolans a l’època de Joan Cererols: Un recorregut per la vida musical del monestir a través de les imatges“ führte Vanessa Esteve in eine Welt der Illustrationen rund um das Kloster Montserrat ein.

Im folgenden, ethnologisch ausgerichteten Beitrag „Música oral i rituals religiosos en el temps de Cererols: elements per a noves aproximacions“ von Jaume Ayats wurden religiöse Rituale und nicht notierte gesungene Musik während der Zeit von Cererols thematisiert. Der zentrale Aspekt war die rhythmisch-syllabische Struktur der Villancicos (früher spanische Volkslieder, heute nur mehr als Weihnachtslieder in Gebrauch) von Cererols, auch im Vergleich mit anderen Komponisten des 17. Jahrhunderts.

Zur Aufführungspraxis von Cererols Werken konnten zwei Vortragende Spannendes beitragen. Der Bariton und Chorleiter Josep Cabré sprach im Beitrag „Aspectes de la interpretació vocal en la música de Cererols“ über das vokale Klangideal in Cererols Musik, die Semantik in seinen Kompositionen und über exemplarische Werke, die Cabré sowohl als Sänger als auch als Chorleiter aus einer interpretatorischen Perspektive kennengelernt hat. „Els instruments musicals, llenguatge i instrumentació a la música de J. Cererols: Aspectes pràctics, interpretatius i d’actualització de la seva música“ von Romà Escalas verdeutlichte, dass das damals von Cererols verwendete Instrumentarium wesentlich zu seiner kompositorischen Entfaltung beigetragen hat, indem die Klangfarben der Instrumente immer an denen der menschlichen Stimme orientiert waren.

Eine gründliche und detaillierte Analyse der Magnificat-Vertonungen von Cererols gab Jordi Rifé in seinem Vortrag „Els Magnificats de Joan Cererols i el context musical europeu del moment: una comparació amb el Magnificat SWV 468 de Heinrich Schütz“, indem er sich nicht nur auf den katalanischen Komponisten beschränkte, sondern zusätzlich einen Vergleich zu Schütz’ Magnificat SVW 468 herstellte. Auffallend waren hierbei die vielen Analogien in Stimmanzahl (9–10-stimmige Magnificat), Harmonik und Stilistik, die Cererols’ Schaffen auf Augenhöhe mit der europäischen Barockmusik zeigen. Der Komponist Bernat Vivancos beschäftigte sich mit der Frage, ob die Musik Cererols’ eine Inspiration für heutige Komponisten sein könnte. In seinem Referat „Cererols: Influència, record i glossa“ stellte er kompositorische Parallelen zu heute her, wobei er sich hauptsächlich auf orchestrale Musik bezog, wie die berühmte Missa de Batalla von Cererols.

Ramon Oranias berichtete in seinem Vortrag „L’orgue a Catalunya i a Montserrat durant la vida de Joan Cererols (1618–1680)“ über die Entwicklung des Orgelbaus in Katalonien ausgehend von seinen Anfängen im 16. Jahrhundert. Er nannte namhafte Orgelbauer dieser Zeit: Fra A. Llorens und J. Olius, auch F. Bordons und F. Galtaires. Einen vergleichenden Einblick in das Leben im Kloster von Montserrat einst und heute bot sodann der Vortrag von Daniel Codina: „La pervivència de la música de Joan Cererols en el Monestir de Montserrat fins als nostres dies“.

Der dritte und letzte Kongresstag fand in Martorell statt, der Geburtsstadt des Komponisten, wo Ferran Balanza mit einer sachkundigen Führung durch die Gassen der Kleinstadt aufwartete. Im Sitzungssaal des Rathauses präsentierten Thomas Hochradner und Isolde Deleyto Rösner mit Heinrich Ignaz Franz Biber einen Komponisten, dessen Missa Salisburgensis lange einem anderen, nämlich Horazio Benevoli, zugeschrieben wurde. Das Referat betrachtete Gründe der Fehlzuschreibung und besprach das Werk vor dem Hintergrund der Musikdisposition im Salzburger Dom, ehe es sich in einem Vergleich zweier Interpretationen der Escolania de Montserrat und der Musica Antiqua Köln Fragen der historischen Aufführungspraxis zuwandte.

Zu einer reichhaltigen und produktiven Diskussion trugen vor allem ein Museumsbesuch im „Museu de la Música de Barcelona“ mit anschließendem Orgelkonzert von Joan Casals und die gemeinsame Exkursion nach Martorell bei. Im Abschlusskonzert des Kongresses waren Carme Miró und Jordi Gironès mit Werken von Cererols zu hören. Die Vielseitigkeit der Kongressbeiträge zeigte, wie viel Potenzial noch im Bereich der musikwissenschaftlichen Forschung liegt. Während der drei Kongresstage wurde des Öfteren der Wunsch laut, möglichst alle Werke Cererols auch in Einspielungen kennenlernen zu können.