Tagungsberichte | 2018

Mainz, 4. bis 6. Oktober 2018

Music as Reference in Mobility Contexts: Operatic Pasticcios in 18th Century Europe

von Maik Köster, Köln/Mainz

Bei der von Gesa zur Nieden und Berthold Over an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz organisierten Veranstaltung handelte es sich um die erste Tagung des von DFG und NCN geförderten Forschungsprojekts Pasticcio. Ways of Arranging Attractive Operas der Universitäten Mainz und Warschau, das unter verschiedenen Blickwinkeln Arbeitsweisen, Musiktransfers, Ästhetiken und Praktiken in Opernpasticci untersucht und vier Partituren zu zwei Themenkomplexen ediert. In der Begrüßung umrissen Aneta Markuszewska, zur Nieden und Over als Anliegen der Tagung die Auseinandersetzung mit der vernachlässigten Gattung des Opernpasticcios und die Würdigung von dessen Bedeutung für breitere kulturhistorische Themen des 18. Jahrhunderts, die Aspekte wie Autorschaft und Mobilität umfassen und Berührungspunkte zu anderen Kunstformen zulassen.

Thomas Betzwiesers (Frankfurt) Keynote „The world of Pasticcio – Some Reflections on Pre-existing Text and Music“ eröffnete den ersten Tagungsblock. Seine Besprechung musikalischer Pasticci am Beispiel von L’Ape musicale ergänzte er durch erhellende Verweise auf den Umgang mit präexistenter Musik im französischen (Fragments d’Opéra) und englischen (Ballad Opera) Musiktheater. Als theoretisches Framework wurden Pasticcio-Definitionen von Christine Siegert sowie Gérard Genettes literaturwissenschaftliche Kategorie der Transtextualität herangezogen und kritisch reflektiert. Die Keynote regte erste lebhafte Grundsatzdiskussionen darüber an, inwiefern „Pasticcio“ eher als Gattung oder als Praxis zu verstehen sei und welche Rolle der Wiedererkennung des Prätexts zukommt.

Der Block am Vormittag sollte Pasticcio-Prinzipien in unterschiedlichen Künsten beleuchten, von denen die bildende Kunst und das deutsche Sprechtheater im Vordergrund standen. Hans Körners (Düsseldorf) Vortrag „Antoine Watteau’s Pasticci“ zeigte am Beispiel des berühmten Gemäldes Pèlerinage à l’île de Cythère (1717, 1719/20), wie Jean-Antoine Watteau Figuren aus eigenen und fremden Werken wiederverwendete. Es entstehe dadurch kein heterogener Effekt, aber die Gegenüberstellung unterbrochener Gesten führt zu einer Atmosphäre, die Körner als „togetherness of the disparate“ beschrieb. Bernhard Jahns (Hamburg) Paper über „Pastiche and Parody in 18th Century German Theatre“ reflektierte die Möglichkeiten, Handlungssequenzen in neue Bühnenwerke einzubauen. Da Theaterstücke im Gegensatz zur Oper weniger klar in einzelne Einheiten (Rezitativ und Arie) gegliedert sind, ist der Austausch von größeren Teileinheiten problematischer. Am Beispiel von einigen Theaterstücken Friedrich Ludwig Schröders zeigte er, wie in sich mehr oder weniger geschlossene komische Szenen und bestimmte Plot-Verläufe wiederverwendet werden konnten. Trotz Abwesenheit des Referenten, dessen Vortrag verlesen wurde, ergab sich eine lebhafte Diskussion über emphatische Autorschaft und Improvisation.

Frédéric Döhl (Berlin/Dortmund) diskutierte in „Pastiche and Its Others: Adaptation, Transformative Use and Copyright Law since 1800“ das aktuelle Bestreben des Europäischen Gerichtshofs, den Begriff des „Pastiche“ als Rechtsbegriff einzuführen. Dieser spielt in der juristisch problematischen Auseinandersetzung mit unlizensierter Imitation musikalischer Aufnahmen, etwa durch Sound-Sampling, eine Rolle. Im nun vor dem EuGH anhängigem „Metall auf Metall“-Verfahren bleibt die genaue Definition des wohl auf eine humoristische oder kritische Auseinandersetzung mit dem Original abzielenden Pastiche-Begriffs jedoch bis dato völlig unklar. Der Vortrag machte deutlich, dass die Wiederverwendung von Musik in zeitgenössischen Kontexten ein hoch relevantes Thema ist.

Nach diesen interdisziplinären Schlaglichtern und Grundsatzdiskussionen eröffneten die Beiträge von Michele Calella und Daniela Philippi den Nachmittag mit musikwissenschaftlichen Einzelstudien. Die Identifikation von Arien, die Auswertung und Rekonstruktion von Quellen, Werken und Produktions-, Rezeptions-, und Transferprozessen standen nun im Vordergrund. Zudem wurde die Zuweisung und Rekonstruktion von Autorschaft thematisiert. Calella (Wien) präsentierte mit dem Beitrag „Composing, Collaborating and Borrowing: Georg Christoph Wagenseil and the Viennese pasticci of 1750“ neue Details über das Wiener Kooperationsnetzwerk unter Wagenseil. Die bisher identifizierten 16 Arien (von 22) in Wagenseils Pasticcio Euridice (1750) stammen vor allem aus Produktionen in London und Bologna der 1730er und Dresden und Rom der 1740er Jahre. Der Arientransfer erscheint hier eindeutig als Resultat der persönlichen Mobilität von Sängern und Sängerinnen. „Presentation of Dance as Motivation for Pasticcio Practices: Cythére assiégée by Gluck and Berton (1775)“ von Daniela Philippi (Frankfurt) thematisierte Formen der Adaption und Kollaboration in Ballettproduktionen der Pariser Opéra anhand von Christoph Willibald Glucks opéra-ballet Cythère assiégée (1775). Abweichend von Glucks ursprünglicher Konzeption fügte Henri-Montan Berton weitere Tänze hinzu, die den spezifischen Anforderungen der Pariser Opéra Rechnung trugen. Diese Bühnenversion wurde ebenso veröffentlicht wie Glucks Original.

Die folgenden zwei Papers weiteten die Perspektive mit Beiträgen über gattungsübergreifende Bearbeitungen zwischen Oper und Kirche. Alina Madry (Poznan) untersuchte „The Use of Extracts of Mozart’s Operas in Polish Sacred Music“ – wie etwa Figaros Arie „Non più andrai, farfallone amoroso“ in eine Sinfonie von Grodzisk Wielkopolski oder Donna Elviras Arie „Ah, fuggi il traditor” in ein Credo einer Messe transformiert wurde. Die Bearbeitungen, die an intensive musikalische Transfers von Mozarts Musik zwischen Österreich und Polen anknüpften, können am ehesten als „re-compositions“ verstanden werden.

Katarzyna Spurgjaszs (Warschau) Beitrag „Pasticcio da chiesa, or How to Transform Some Trendy Opera Arias into an Oratorio“ thematisierte ebenfalls die Übertragung von Musik über Zeit, Raum und Aufführungskontext, die sich etwa in der Wiederverwendung populärer Opernarien für die deutschsprachige Jesuitengemeinschaft in Breslau (1752) und Sagan (1764) findet. Die nicht direkt überlieferte Musik könne über die Kenntnis der Originale rekonstruiert werden, wobei dem methodisch mit Vorsicht zu begegnen sei, da man nicht immer ausschließen könne, dass ein bekannter Text mit anderer Musik vertont wurde.

Musikalisch beendete den ersten Tagungstag ein „Lecture Concert“ von Elisabeth Scholl (Mainz). Gekonnt zwischen Sprech- und Singstimme wechselnd, stellte die Sopranistin Leonardo Vincis Vertonung und Georg Friedrich Händels Pasticcio-Version von Metastasios Didone abbandonata gegenüber. Ihre sowohl von fundierter historischer Recherche als auch durch ihre künstlerische Perspektive als Sängerin geprägte Darstellung öffnete den Diskurs der Tagung zur musikalischen Praxis.

Der Vormittag des zweiten Tagungstages war unter dem Motto „Traveling Musicians – Traveling Music?“ der Mobilität zugedacht, die bereits am Vortag als wesentlicher Einfluss für musikalische Transfers zur Sprache kam. Der Themenblock des Nachmittags widmete sich dagegen konkreten lokalen Bedingungen und Ausprägungen des Pasticcios in verschiedenen europäischen Zentren.

Kordula Knaus und Andrea Zedler (Bayreuth) beschäftigten sich in ihrem gemeinsamen Vortrag „Traveling Opera Troupes and Opera buffa Outside of Italy (1745-1765)“ mit der Rolle mobiler Operntruppen in der gesamteuropäischen Entwicklung der Opera buffa. Das Forschungsprojekt „Die Opera buffa als europäisches Phänomen. Migration, Mapping und Transformation einer neuen Gattung“ erarbeitet aktuell eine Datenbank, welche die Wanderung von Musikern und Libretti in Europa nachvollziehbar machen soll. Berthold Over (Mainz) konnte in „Debts and Destiny: New Findings on Antonio Maria Peruzzi and His Opera Touring Business” neue Erkenntnisse über den Impresario Peruzzi präsentieren. Da aufgrund eines Mordprozesses, der 1722 in einer Verurteilung mit Landesverweis aus Sachsen endete, für Peruzzi ein festes Arbeitsverhältnis als Musiker ausgeschlossen war, scheint er kurz darauf eine mobile Truppe um seine Person versammelt zu haben. Diese Wandertruppe entdeckte damit zugleich eine ökonomische Nische, was viele Nachahmer fand. Die prekäre Lage Peruzzis nach dem Verfahren ist demnach ein Ausgangsfaktor für eine Entwicklung, die für die Verbreitung italienischer Musik in Europa ab ca. 1720 verantwortlich ist.

Daniel Brandenburgs (Salzburg) Paper „Italian ‚operisti‘, Repertoire and ‚aria da baule‘: Insights of the Pirker Correspondence“ lieferte neue Einsichten über Entscheidungsprozesse und Auswahlkriterien innerhalb der Operntruppe von Pietro Mingotti, in der Franz und Marianne Pirker sowie Christoph Willibald Gluck beschäftigt waren. Brandenburg betonte, dass die Operntruppe an verfügbare Sänger und Instrumente gebunden war und sprach den Wünschen von Sängern und Sängerinnen eine besondere Rolle im Entscheidungs- und Kompositionsprozess der aufgeführten Opern zu. Emilia Pelliccias (Wien) Fallstudie „The Ways of a Voice: The Tenor Francesco Borosini Between the Habsburg Court and the Royal Academy“ machte deutlich, dass die Gestaltung von Borosinis Partien vom wechselnden Einfluss des Sängers sowie von lokalen Bedingungen abhing. So wurde in Wien seine außergewöhnlich agile Tenorstimme regelmäßig für virtuose Wut-Arien eingesetzt. Seine Partien in der Londoner Royal Academy (1724/25) sind hingegen weniger virtuos. Als mögliche Erklärung wurde der Stimmungsunterschied genannt, wobei die Hierarchie des Ensembles und der Publikumsgeschmack ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnten.

Aneta Markuszewska (Warschau) brachte mit ihrer Betrachtung von Nicola Porporas erstem Pasticcio Artaserse von 1721 neue Aspekte ein: Das sich durch die Verbindung unterschiedlicher Stile auszeichnende Pasticcio kann unter anderem in der Funktion verstanden werden, den Geschmack des Publikums zu testen, um es im Laufe der Spielzeit flexibel an die Publikumsreaktion anpassen zu können. Besonders prägnant ist der Kontrast zwischen den stilistisch älteren Arien Antonio Lottis und Porporas Stücken im moderneren Kompositionsstil. Zugleich scheint sich die Auswahl der Arien in diesem Fall am Geschmack von Geldgebern zu orientieren. Das Paper „Production of Opera Pasticcios in Venice in the Early 18th Century: The Impressario’s Role” von Gianluca Stefani (Florenz) griff diese ökonomische Perspektive noch stärker auf und leitete fließend in den nächsten Tagungsblock über, der sich mit lokalen Produktionsbedingungen von Pasticci auseinandersetzte. Stefani machte die pragmatische Perspektive stark, dass Arie di baule eine Methode sind, Arbeit und damit Geld zu sparen und wies auf den Einsatz des eher als Praxis denn als Gattung zu verstehenden Pasticcio in Venedig in „emergency cases“ hin.

Klaus Pietschmann (Mainz) schloss sich diesbezüglich in seinem Vortrag „Bad Habits in Theatre – Late Forms of Operatic Pasticcios in Vienna Around 1800“ dem Vorschlag von Reinhard Strohm an, von einem „Pasticcio-Prinzip“ zu sprechen. Pietschmanns Betrachtung der „späten“ Wiener Pasticci um 1800 begann mit der Beobachtung, dass Wien stärker als meist angenommen ein Zentrum für das Pasticcio gewesen ist. Die Wiener Öffentlichkeit um 1800 habe ein Faible für Intertextualität entwickelt, sodass besonders die Wiedererkennung populärer Melodien in neuen Kontexten einen ästhetischen Reiz darstellte. Das Pasticcio-Prinzip berührt daher auch Gattungen wie das Quodlibet, das um 1800 einen Aufschwung erlebte.

Gesa zur Nieden (Mainz) widmete ihr Paper „Between Dwarfs and Giants. Aesthetics of the Pasticcio between London and Hamburg“ den spartenübergreifenden ästhetischen Aspekten des Pasticcios. Anhand der Verbindungen zwischen Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann arbeitete sie heraus, dass das Pasticcio mehr als nur eine musikalische Gattung bzw. Produktionsweise war, sondern mit zentralen ästhetischen Praktiken im frühneuzeitlichen London und Hamburg verbunden war. Das Bild des Vergrößerungsglases bündelte ihre vielfältigen Beispiele und steht für die Möglichkeit, Stile miteinander zu vergleichen und geschmackbildend zu verschränken. William Hogarths einflussreiche Schrift Analysis of Beauty (1753) beziehungsweise eine entsprechende Ästhetik wurde über Georg Friedrich Händel anscheinend auch von Georg Philipp Telemann rezipiert, so dass ein direkter Einfluss auf dessen Musik möglich ist.

Alina Żórawska-Witkowskas (Warschau) Vortrag „Il desiderio appagato del re“ thematisierte zwei komische Opern, die 1765 unter dem polnischen König Stanislaus II. August Poniatowski aufgeführt wurden. Nachdem zuvor fast ausschließlich Opere serie gegeben wurden, erlebte Warschau in dessen Amtszeit einen kulturellen Wandel. La buona figliuola puta unterscheidet sich bloß in einer Arie von der Vorlage aus Rom und kann deshalb nicht als Pasticcio bezeichnet werden. Il mercato di Malmantile ist dagegen zweifelsohne eines: Die musikalische Form wurde hier maßgeblich von den Sängern und Sängerinnen geprägt, die jeweils auf Produktionen an vielen europäischen Theatern zurückgreifen konnten. Der Vortrag „Local Conditions of Pasticcio Production and Reception: Between Prague, Brno/Brünn and Wrocław/Breslau“ von Jana Spacilova (Olmütz) fokussierte das Opernleben in Böhmen, Mähren und Schlesien und stellte insbesondere den Austausch von Opernpartituren und Arien der offenbar stark vernetzten Operntruppen in dieser Region heraus. Als Gründe für den Arienaustausch wurden praktische, musikalische und kommerzielle genannt, die auch in der zeitgenössischen Presse ihren Niederschlag fanden.

Maik Köster (Mainz) präsentierte mit „Borrowed Voices. Ownership of Arias in 18th Century London“ neue Aspekte der mit der Statute of Anne (1711) beginnenden Copyright-Gesetzgebung in England und ihren späteren Einfluss auf das Opernwesen in London. In zwei Verfahren (1788, 1793) wurde über das Eigentum an einzelnen Opernarien verhandelt. Die Gerichte stärkten die Autorenrechte der Komponisten gegenüber dem Theater und brachten im zweiten Verfahren erstmals „Originalität“ als Bedingung für exklusives Eigentum an. Die Schwierigkeiten der Gerichte können auf Konflikte zwischen einer auf John Locke aufbauenden Theorie intellektuellen Eigentums und den komplexen Kooperationsnetzwerken, die hinter dem Austausch von Opernarien standen, zurückgeführt werden.

Zum Abschluss des Tagesprogramms fand unter dem Titel „Esthetics of the Pastiche“ ein Round Table statt, das den interdisziplinären Aspekt der Tagung wieder in den Vordergrund rückte. Der Dialog zwischen der Literaturwissenschaftlerin und Dramaturgin Tina Hartmann (Bayreuth), dem Theaterwissenschaftler Benjamin Wihstutz (Mainz), der Kunsthistorikerin Elisabeth Oy-Marra (Mainz) sowie den Musikwissenschaftlerinnen Kordula Knaus (Bayreuth) und Carolin Stahrenberg (Berlin) war jedoch durch die unterschiedlichen Verständnisse des Begriffs geprägt: Die homologen Bezeichnungen für zusammensetzende („Pasticcio“ im Sinne der Oper) und imitative („Pastiche“ im Sinne der bildenden Kunst) Praktiken scheinen eine intensivere Diskussion zu erfordern.

„Pasticcio between philology and materiality” lautete der Titel des fünften und letzten Themenblocks, der den gesamten dritten Tag umfasste. Anna Ryszka-Kormanicka (Warschau) präsentierte ihr Paper „Between Venice, Naples and London: The Pasticcio Vincislao, re di Polonia (1717)“ über ein Pasticcio, das in erster Linie als Bravour-Oper für Nicolo Grimaldi angelegt war. Der Kastrat hatte in dieser Produktion acht Arien zu singen, von denen die meisten von Francesco Mancini stammten. Es gibt weiterhin noch fünf unidentifizierte Arie di baule. Da die musikalischen Manuskripte verloren sind, konzentriert sich die Studie hauptsächlich auf Libretti. Sie ist Teil eines breit angelegten komparativen Forschungsvorhabens, in dem unterschiedliche Vertonungen des Texts von Apostolo Zeno miteinander verglichen werden sollen.

Annette Landgrafs (Halle) Paper „The Musical and Physical Mobility of Material in Handel Sources“ richtete den Blick auf den Arbeitsprozess des Komponisten. Die Quellen legen nahe, dass Händel ein exzellentes musikalisches Gedächtnis sowie eine sehr ökonomische Arbeitsweise gehabt haben muss. Beides begünstigte seine evidente Neigung zur Wiederverwendung von musikalischem Material. Am Beispiel des Oratoriums Esther (1732/1757/1763) wurden zudem typische Aspekte von Händels Manuskripten verdeutlicht wie etwa Kurzschriften für vorzunehmende Transpositionen. Metoda Kokole (Ljubljana, „The Graz 1740 Pasticcio Amor, Odio e Pentimento: a special Case or Mingotti’s Common Practice?”) widmete sich einem 1740 in Graz produzierten Pasticcio der Mingotti-Truppe. Hier wurde der Einfluss der Nobilität besonders deutlich, indem nicht nur das Sujet des Librettos Parallelen zur Geschichte des friaulischen Adelsgeschlechts der Attems aufweist, sondern zudem ein Drittel der Arien auf einer Italienreise Graf Ignaz’ von Attems erworben wurde und in der Ariensammlung der Familie zu finden ist.

Für die Keynote des letzten Tagungstages konnte der Musikphilosoph Alessandro Bertinetto (Turin) gewonnen werden, dessen Vortrag eine „Readymade Ontology for the Musical Work“ versprach. In Abgrenzung zum musikalischen Platonismus definiert er das Pasticcio als zusammensetzendes Verfahren, grenzte es von der eher imitativen „Pastiche“ ab und sah es als paradigmatisches Beispiel für die kulturelle Emergenz von Entitäten aus einer „distributed creativity“ (Georgina Born). Ein solches Zusammensetzen von präexistenten Entitäten zu einem neuen Werk könne ästhetisch unterschiedlich erfolgreich sein. Von diesem Gedanken ausgehend zog er eine Parallele zur Improvisation, die ebenso wie jeder kreative Akt, so seine zweite These, niemals „ex-nihilo“ funktioniere, sondern aus der Manipulation und Assemblage von vorhandenen Materialien neue Entitäten und Bedeutungszuweisungen hervorgehen ließe.

Joachim Veit (Paderborn) verstand in seinem Vortrag „Digital Music Editions Beyond Musical Text“ unter einer wissenschaftlichen Edition die Produktion eines editierten und annotierten Texts. Die Besonderheit einer digitalen Edition sei dabei, dass die Annotation, der kritische Bericht, in die Präsentation des Textes integriert werden könne. Unter Nennung vieler aktueller Beispiele konnte Veit die Flexibilität des etablierten MEI-Standards in dieser Funktion verdeutlichen und dem Projekt wertvolle Hinweise für die Konzeption der digitalen Operneditionen an die Hand geben. Auch die Librettologin Anna Laura Bellina (Padua) kann auf langjährige Erfahrung in digitalen Projekten zu Pietro Metastasio und Carlo Goldoni zurückgreifen. Sie zeigte mit ihrem Vortrag „L’albero dei pasticci. Soluzioni manuali e soluzioni informatiche“, wie sich die Verhältnisse zwischen unterschiedlichen Versionen verschiedener Libretti von Goldoni in einer informatischen Baumstruktur miteinander verknüpfen und darstellen lassen. Maik Köster (Mainz) stellte anschließend das Poster „Cultural-Historical Data Collected and Organised in a Digital Edition“ der Mainzer Hilfskräfte des Projekts vor, das die geplante Integration von kulturhistorischen Daten mit den digitalen Editionen, auf die das Pasticcio-Projekt hinarbeitet, erläuterte und offene Probleme reflektierte. Zum Abschluss der Tagung gab Martin Albrecht-Hohmaier (Mainz) Einblick in die philologische Arbeit an Händels Catone (London 1732). Er zeigte am Beispiel der Arie „Priva del caro sposo“, die aus Nicola Porporas Germanico in Germania (Rom 1732) stammte und in Catone wiederverwendet wurde, „Musical ways through different sources“ auf, indem er Quellen unterschiedlicher Produktionen einander gegenüberstellte.

Insgesamt verdeutlichte die Tagung die Vielfalt und Fruchtbarkeit von Forschungsansätzen zum Pasticcio. Im Laufe der drei Tage wurden alle typischen Definitionsmerkmale des Begriffs an entsprechenden Fallbeispielen auf ihre Aktualität überprüft und Forschungsdefizite aufgedeckt. Die terminologischen Unschärfen (Pasticcio, Pastiche, Pasticcio-Prinzip, Pasticcio-Technik, Borrowing, Rekomposition etc.) zeigten, wie wichtig eine intensivere Beschäftigung mit der frühneuzeitlichen Praxis des musikalischen Arrangierens und Kompilierens auf technischer, musikalischer und ästhetischer Ebene ist. Eine erweiterte Publikation der Beiträge ist geplant.

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