Tagungsberichte | 2018

Rom, 6. bis 8. Juni 2018

„Man müsste nach Rom gehen“. Bernd Alois Zimmermann und Italien

von David Brößner, Heidelberg

Der Kongress, in den auch zwei Konzerte und verschiedene Gesprächsformate integriert waren, wurde veranstaltet von der Bernd Alois Zimmermann-Gesamtausgabe in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom sowie der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, dem Studio MIRAGE der Universität Udine und der musikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Roma IIIa. Anlässlich des 100. Geburtstags von Bernd Alois Zimmermann (1918–1970) standen erstmals umfassend und unter verschiedenen Perspektiven die Aufenthalte des Komponisten in Italien und hier vor allem seine Arbeitsaufenthalte in der Villa Massimo im Fokus, deren erster Kompositionsstipendiat Zimmermann in den 1950er Jahren war. So widmeten sich die verschiedenen Vorträge sowohl den institutionellen Rahmenbedingungen von Künstlermobilität im Europa der Nachkriegszeit – und hier insbesondere dem besonderen Arbeitsumfeld, das die Villa Massimo Zimmermann immer wieder zur Verfügung stellen konnte –, als auch den Auswirkungen des kulturellen Austauschs auf Zimmermanns Komponieren. Die Vernetzung mit italienischen Künstlern sowie Zimmermanns Einfluss auf die Entwicklungen des italienischen experimentellen Musiktheaters wurden durch weitere Beiträge thematisiert. In einem eigenen Panel kamen schließlich die Möglichkeiten und Probleme zur Sprache, die mit der Edition elektroakustischer Musik verbunden sind.

Eröffnet wurde die Konferenz in der Villa Massimo durch ein Konzert mit kammermusikalischen Werken Zimmermanns, in dessen Rahmen Bettina Zimmermann, die Tochter des Komponisten, im Gespräch mit dem derzeitigen Stipendiaten Gordon Kampe über die Zeit ihres Vaters in der Villa Massimo berichtete und ihr Buch con tutta forza. Bernd Alois Zimmermann. Ein persönliches Portrait (Wolke-Verlag 2018) mit vielen bisher unveröffentlichten Fotos und Briefen vorstellte. Beschlossen wurde der Abend mit dem durch die Marionettenoper des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Heidelberg eigens in der Uraufführungsfassung rekonstruierten, abstrakten Puppentheater Das Grün und das Gelb von Fred Schneckenburger und Zimmermann, das in den 1960er Jahren auf Programmkonzeptionen für die „Compania del Teatro Musicale di Roma“ zwar genannt, aber in Rom wohl nie aufgeführt worden ist.

Die erste Sektion der Tagung widmete sich dem Künstleraustausch unter den Bedingungen der Nachkriegszeit zwischen Deutschland und Italien. Sabine Ehrmann-Herfort untersuchte „Musik in der Villa Massimo während der römischen Aufenthalte von Bernd Alois Zimmermann“ und stellte das Engagement Zimmermanns für einen deutsch-italienischen Kulturaustausch und seine gesamteuropäische Perspektive heraus: So konzipierte Zimmermann beispielsweise viele Konzerte mit Neuer Musik für Rom, unter anderem. mit Werken von Pierre Boulez, Luigi Nono, Arnold Schönberg und Anton Webern, und knüpfte dafür zahlreiche Kontakte zur römischen Musikszene. Zimmermann engagierte sich außerdem nicht nur mit eigenen Kompositionen, sondern auch als Mitglied des Auswahlgremiums für Stipendiaten an der Villa Massimo.

Ausgehend von Zimmermanns Hörspiel Man müßte nach Rom gehen diskutierte Silke Hilger Fallbeispiele für die Einflüsse italienischer Renaissance- und Barockmusik auf Zimmermanns frühes Schaffen und stellte deren Niederschlag in späteren Werken von Giostra Genovese, Musique pour les souper du Roi Ubu bis zu den Soldaten vor. Am Ende des ersten Blocks diskutierte Antonio Rostagno das bewusste Herstellen der Gleichzeitigkeit verschiedener Traditionen und historischer Ebenen bei Zimmermann als eine Form von „kritischer Genealogie des Selbst“ und stellte die kritische Auseinandersetzung Luca Lombardis mit Zimmermann dar.

Der zweite Themenblock lenkte den Blick auf Zimmermanns „Komponieren in Rom“: Hemma Jäger rekonstruierte anhand von Briefquellen den Entstehungsprozess und die Bemühungen um die Uraufführung der Monologe, die eine Bearbeitung der Dialoge darstellen. Dabei wurde der Einfluss der Darmstädter Debatten auf Zimmermann sowie seine Bemühung um die Beteiligung daran thematisiert. Während der anschließenden Diskussion kam die Frage nach der Rolle des Zufalls und der Vorsehung in Zimmermanns Werk auf. Zufall, so erinnerte sich Bettina Zimmermann an ein Gespräch mit ihrem Vater um 1970, hatte für den Komponisten etwas Beängstigendes.

Adrian Kuhl arbeitete die verschiedenen Auswirkungen der Zusammenarbeit Zimmermanns mit der Sopranistin Magda Lázló auf die Solokantate Omnia tempus habent heraus. Anhand von Briefwechseln und analytischen Betrachtungen demonstrierte er, wie die Solokantate durch das Zusammentreffen mit der berühmten Sängerin in Rom aus der ursprünglichen Planung eines Oratoriums herausgelöst wurde und Zimmermann bei der Komposition des Stücks auf Lászlós Wünsche reagierte. Andreas Dorfner zeigte, wie Zimmermann wichtige Aspekte seines pluralistischen Musiktheaters bereits anhand von Les Rondeaux, der letztlich nie realisierten Bearbeitung des Volpone-Stoffes von Ben Jonson, entwickelte. Dabei diskutierte er Parallelen zwischen Les Rondeaux und den Soldaten, beispielsweise die Final-Konzeptionen.

Der letzte Kongresstag war in die Themenblöcke „Zimmermann und die italienische Nachkriegsmoderne“ und „Von Nono und Cage lernen – Zur Edition elektro-akustischer Musik“ geteilt. Alessandro Mastropietro sprach zur italienischen Erstaufführung von Die Soldaten (Florenz 1972), bei der es sich um eine ursprünglich deutsche Inszenierung aus Düsseldorf handelte, die in ganz Europa Beachtung fand. Dabei verdeutlichte Mastropietro, wie das Stück in die Gesamtstruktur des 35. Festivals del Maggio Musicale Fiorentino integriert wurde, das sich der thematischen Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges widmete. Giovanni Guanti diskutierte anschließend Zimmermanns musikalischen Zeitbegriff, den er auf Ideen von Georg Lukács, Ernst Bloch und Luigi Nono zurückführte.

Die letzte Sektion stand im Zeichen des Austauschs zwischen Editionsprojekten und widmete sich den Herausforderungen und Möglichkeiten bei der Edition elektro-akustischer Musik. Matthias Pasdzierny sprach über „Probleme am laufenden Band“ bei der Edition von Zimmermanns Requiem für einen jungen Dichter. Dabei stellte er ausgewählte Editionsschwierigkeiten vor, die unter anderem aus Abweichungen zwischen Angaben in der autographen Partitur und den unterschiedlichen Zuspielbändern für verschiedene Aufführungen resultieren, und diskutierte verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Zum Abschluss referierte Luca Cossettini „Über die kritische Edition von Luigi Nonos ‚mixed music‘ mit Tonband“. Auch hier lag der Hauptfokus auf den Problemen, die bei einer kritischen Edition von Nonos elektronischer Musik und der Varianz der unvollständigen Quellen, wie Tonbändern, Skizzen und Partituren beziehungsweise bei „mixed music“ auftreten und editorisch bewältigt werden müssen. Eine endgültige Lösung für solche Editionsprobleme bei medial gestützten Kompositionen konnte zwar noch nicht präsentiert werden, doch ist die Thematisierung der Problemfelder der erste wichtige Schritt für den editorisch adäquaten Umgang mit Musik ab der zweiten Jahrhunderthälfte.

In die Abfolge der Vorträge waren drei Gespräche mit anschließender Plenumsdiskussion eingebunden. Adrian Kuhl und der Pianist Björn Lehmann sprachen über Zimmermanns Stücke Monologe sowie Perspektiven, die im Rahmen eines weiteren Konzerts aufgeführt wurden, und diskutierten aufführungspraktische Schwierigkeiten, vor allem aber editionspraktische Fragestellungen im direkten Austausch von Editionsphilologie und Musikpraxis. Ein Zeitzeugengespräch führte Pasdzierny mit dem Zimmermann-Schüler Luca Lombardi, der über seine Studienzeit bei Zimmermann, die damaligen Möglichkeiten und Chancen eines deutsch-italienischen Künstleraustauschs und der von Zimmermann erlernten Technik einer Generierung von Zeitproportionen aus Intervallproportionen berichtete.

Joachim Steinheuer, Leiter der Heidelberger Marionettenoper, und Dörte Schmidt sprachen über die gemeinsam entwickelte und im Rahmen der Tagung aufgeführte Rekonstruktion des Puppentheaters Das Grün und das Gelb. Steinheuer berichtete, wie die Puppen anhand von Fotos und der teilweise im Museum für Gestaltung Zürich überlieferten Originalpuppen eigens nachgebaut und die Bühnenabläufe und Spielweisen auf der Basis von Fotoquellen, Berichten und zeitgenössischen Filmen aus der Peripherie des abstrakten Puppentheaters der Zeit rekonstruiert wurden.

Die Einbindung und der Austausch unterschiedlicher Perspektiven stand während der gelungenen Tagung im Vordergrund. So kamen Musikhistoriker, Editoren und Künstler zusammen, um Einblicke in ihre Sichtweisen auf das Material zu geben, aber auch ganz pragmatische Fragestellungen wie das Verhältnis von Finanzen und Formaten bei der Gestaltung einer Gesamtausgabe zu diskutieren. Die Tagung brachte, neben Erkenntnissen zu Zimmermanns Bemühungen als politischer Kulturvermittler, auch neue Einsichten über die sich verändernden Kompositionskonzepte Zimmermanns, eben während seiner Zeit in Rom, aber auch darüber hinaus, sowie Erkenntnisse zur Neuen Musik im Allgemeinen und vor allem zu deren wissenschaftlicher Aufarbeitung und Edition. Die Beiträge der Tagung werden in der Schriftenreihe Analecta musicologica publiziert.