Tagungsberichte | 2018

Boulder (Colorado), 19. bis 22. April 2018

26th Annual Conference of the Society for Seventeenth-Century Music

von Nastasia Sophie Tietze, Weimar/Jena

Für den 26. Kongress der Society lud Robert Shay vom College of Music der University of Colorado nach Boulder ein. Einen Schwerpunkt bildeten je zwei Panels zu den Themen „English Anxieties“, „Spectacles of the Other“ und „Cosmopolitan Courts“, wobei sich das Programm durch einen hohen Anteil an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern auszeichnete.

Linda Austern (Northwestern University) eröffnete den Kongress im Panel „English Anxieties“ und hinterfragte in einem quellenreichen Vortrag die Funktion und Position des Hörens in der Körper-Geist Dialektik, wie sie im theologischen, physikalischen, moralphilosophischen und gesellschaftspolitischen Diskurs im frühneuzeitlichen England artikuliert wurde. Sie stellte dabei heraus, inwiefern die Auffassung des Ohrs als Sinnesorgan der Verletzlichkeit und Verführbarkeit mit der Konnotation von Musik als gefährlicher, verdorbener Kunst verknüpft ist. Daran schloss sich der Vortrag „,My sweet child and wife‘: Buckingham, James I., and Homoeroticism in the English Anthem and Madrigal“ von Jeremy L. Smith und Jordan Hugh Sam an (University of Colorado, Boulder). Die Referenten deuteten Thomas Vautors First set of Ayres (1619) aus der Warte seiner homoerotischen Anspielungen und bezogen diese auf die mutmaßliche Affäre zwischen König Jakob I. und dem Herzog von Buckingham. K. Dawn Grapes (Colorado State University) widmete sich in einem Close-Reading den Funeral Teares, einem 1606 erschienenen außergewöhnlichen Zeugnis von Memorialkultur. Die materielle, inhaltliche und künstlerische Konzeption der Sammlung von Klagegedichten und Lamentationes ließ erkennen, wie der Komponist und Dichter John Coprario einem gesellschaftlich geächteten Aristokraten Tribut zollte. Im letzten Beitrag dieses Panels untersuchte Nicholas Smolenski (Duke University) Thomas Tomkins‘ Music Deo sacra – einerseits in der ursprünglichen Form, wie sie der Komponist in den 1630er Jahren zusammenstellte, andererseits in der postumen Publikation von 1668 – als ein Fallbeispiel für musikalische Propaganda während der Restaurationszeit.

Zwei Vorträge zum Thema „Seduction and Devotion“ korrespondierten mit den „English Anxieties“ von anderen geographischen Standpunkten: Aliyah Shanti (Princeton University) zeigte, wie Hexenkraft und Zauberkunst mit der Figur der Falsirena aus Giambattista Marinos Adone in Ottavio Tronsarellis römische Oper La catena d’Adone Eingang fanden. Jenny Zilmer (University of Auckland) ging auf Grundlage des Konzepts des „reimagining“ (Bettina Varwig) der Frage nach, wie die geistliche Musik Buxtehudes im historischen Kontext des Erklingens mystische Liebe und meditatio vermittelt.

Im Panel „Affect and ,Habitus‘ at the keyboard“ sprachen Alexis VanZalen (Eastman School of Music) und Rebecca Cypess (Rutgers University). Erstere untersuchte in ihrem Vortrag „Rhetoric and Declamation in the Organ Music of Guillaume-Gabriel Nivers“, inwiefern die deklamatorischen Prinzipien in Niversʼ Orgelkompositionen posttridentinische Reformansätze widerspiegeln. Unter dem Vortragstitel „Chordal Accompaniment at the Harpsichord in Early Seventeenth-Century Italy: Recovering Traces of Embodied Knowledge“ fragte Cypess nach der aufführungspraktischen Umsetzung von Akkordbegleitungen auf dem Cembalo. Am Beispiel von Luzzasco Luzzaschi und Girolamo Frescobaldi verband sie Fragen der Aufführungspraxis mit dem Ansatz des „Embodied Knowledge“.

Einen Fokus auf die italienische Musikkultur und ihre Rezeption legten die Panels zum Thema „Spectacles of the Other“. Mit Blick auf zwei zeitgenössische Inszenierungen von Francesco Cavallis Veromonda (1652) – in Spoleto (2015) und Schwetzingen/Mainz (2016) – diskutierte Wendy Heller (Princeton University) die dem Libretto inhärenten Konflikte zwischen Islam und Christentum sowie den Umgang mit politischen und ideologischen Implikationen des radikal dargestellten christlichen Imperialismus. Krieg und Frieden in der frühen venezianischen Oper waren auch Thema von Robert C. Ketterers Vortrag (University of Iowa). Vor dem Hintergrund des Kriegs um Kreta zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich zeigte er, wie in den früheren venezianischen Opern Semiramide in India (1648) und Argiope (1646/1649) im Gegensatz zum Patriotismus späterer Opern Strategien der Kriegsschlichtung entfaltet werden. Auf die Präsenz und musikalische Repräsentation von ethnischen Gruppen („the others“) in Habsburger Balletti ging Charles E. Brewer ein (Florida State University). Mit einem Blick auf Johann Heinrich Schmelzers Kompositionen für Leopold I. und unter Heranziehung von zeitgenössischen Beschreibungen und Abbildungen diskutierte er, inwiefern volksmusikalische Stereotype mit ihren performativen Implikationen starke kulturelle Vorurteile transportierten. Eines Desiderats nahm sich Kelley Harness (University of Minnesota) an, indem sie als Zwischenbericht eines größeren Projektes drei Rechnungsbücher auswertete, die über die enormen menschlichen und materiellen Ressourcen Auskunft geben, die für das 1661 in Florenz aufgeführte Pferdeballett Il mondo festeggiante aufgewendet wurden. Harness erörterte Details der Archivrecherche, ordnete das Ballett in einen größeren Rahmen der Festkultur ein und stellte Überlegungen zur Deutung der allegorischen Darstellungen als Artikulation des westlichen Anspruchs auf Weltherrschaft an.

Auf europäische Musikspuren außerhalb Europas blickten zwei Vortragende im Panel „Christian Piety in the New World“. Bernardo Illari (University of North Texas, Denton) interpretierte den stilistischen Anachronismus und die bewusste Aneignung einer europäischen Musiktradition in der mexikanischen Vokalpolyphonie von Francisco López Capillas (gest. 1674) als Ausdruck defensiven Widerstands gegen die spanischen Besatzer. Einblicke in ihr Dissertationsprojekt gewährte Ireri E. Chávez Bárcenas (Princeton University). Unter dem Titel „Pious Indians and Righteous Slaves in 17th-Century Catholic Song“ zeigte sie die vielschichtigen politisch-theologischen Implikationen im Repertoire der Weihnachts-Villancicos auf, die gesellschaftliche Vorstellungen der multiethnischen, kolonialen Gesellschaft Pueblas widerspiegeln.

Eine Kuriosität höfischer Spielkultur in Frankreich stellte John Romey (Case Western Reserve University) als Teil des Dissertationsprojektes „Popular Song, Opera Parody, and the Construction of Parisian Spectacle, 1648-1713“ vor. Beim literarisch-musikalischen Genre der „contrevéritez“ [sic] werden Personen anhand ihres Gegenbilds satirisch dargestellt, welches in höfisch-intellektuellen Zirkeln vorgetragen wird. Die zunächst literarischen Gegenbilder können zum Teil in Verbindung mit einer populären Melodie Lullys eine weitere Ebene der künstlerischen Parodie aufweisen. Für die quellenreiche Rekonstruktion des geistreichen Spiels mit seiner politisch-gesellschaftlichen Dimension wurde Romeys Vortrag mit dem Irene Alm Memorial Prize für das beste Paper eines Studenten ausgezeichnet. Im selben Panel sprach Robert R. Holzer (Yale University) zum Thema „In Petrarch’s Shadow: Revision and Allusion in the Vernacular Setting in Monteverdi’s Selva morale et spirituale“.

Der Hofkultur zwischen Italien und Frankreich widmeten sich zwei Vorträge in den Panels zu „Cosmopolitan Courts“ am letzten Tag. Don Fader (University of Alabama) stellte die These auf, dass die komischen italienischen Szenen in Lullys Ballets de cour als Selbstkarikatur zu lesen seien, mit denen der Komponist die politische Strategie verfolgte, sich vor dem französischen Hof von seinen italienischen Wurzeln zu distanzieren. Michael Klaper (Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena) stellte neue Erkenntnisse zu einer bisher wenig bekannten Handschrift aus Madrid vor, welche die gesammelte Dichtung von Giovanni Bentivoglio enthält. Mit der Identifikation und Kontextualisierung der darin enthaltenen poesia per musica zeigte er Aspekte der italienischen Kantatenproduktion in Frankreich zwischen 1640 und 1680 auf. Zwei Vorträge von Devin Burke (University of Louisville) und Stewart Carter (Wake Forest University) zu kulturpolitischen Aspekten der Habsburgermonarchie während der Regentschaft von Leopold I. beschlossen die Konferenz. Burke fragte nach der philologischen und politischen Bedeutung des Wiener Manuskripts der Balletti francesci à 4, eine Zusammenstellung Lullyscher Entrées, die einst in Francesco Cavallis Oper Ercole amante (1662) erklangen, im Wiener Kontext aber als Mittel der Propaganda zu lesen seien. Carter diskutierte die politischen Implikationen der Leopold I. gewidmeten Motetti à voce sola (Novara 1686) der italienischen Nonne Isabella Leonarda. Sowohl die Motette Victoria und die Kantate Miei fidi all’armi als auch die im Druck enthaltenen Widmungsgedichte dienten dabei als Ausgangspunkt.

Die offene und produktive Diskussionskultur, die ihrerseits zum Wissensgewinn beitrug, wurde nicht zuletzt durch die angemessene Zeit für Austausch auch am Rande der Vorträge gefördert, etwa bei den Empfängen, einem Bankett und einem Konzert des Barockensembles „Quicksilver“.

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