Tagungsberichte | 2013

Heidelberg, 3. bis 5. Juni 2011:

„Musik im Spannungsfeld zwischen nationalem Denken und Weltbürgertum – Franz Liszt zum 200. Geburtstag“

von Diana Kupfer, Heidelberg

Vom 3. bis 5. Juni 2011 lud das Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Heidelberg zu einem interdisziplinären Symposium zum 200. Geburtstag von Franz Liszt ein. Unter Leitung von Dorothea Redepenning (Heidelberg) gingen die Teilnehmer aus Europa und Nordamerika der Frage nach, wie sich nationales Denken einerseits und kosmopolitische Anschauungen andererseits im Denken und Schaffen Franz Liszts und der Kulturpolitik seiner Zeit niederschlugen.

In seinem Eröffnungsvortrag sprach Detlev Altenburg (Weimar) über Liszts Programm des „Neuen Weimar“ sowie die zu Beginn von Liszts Weimarer Zeit entstandene Idee, eine Goethe-Stiftung ins Leben zu rufen, die sich der Förderung deutscher Musik, Dichtung, Malerei und Bildhauerei verschreiben sollte. Obwohl dieses Vorhaben scheiterte, belegt es die im Denken und Schaffen des Komponisten tief verankerte Verbindung von nationaler Kunst und künstlerischem Universalismus.
Damit war zugleich der erste Teil des Symposiums eingeleitet, der Liszts Weimarer Kulturpolitik im Lichte kosmopolitischer Vorstellungen gewidmet war. Dass Nationalismus und Weltbürgertum sich für Liszt keineswegs widersprachen, sondern im Gegenteil sogar wechselseitig bedingten, verdeutlichte Klaus Ries (Jena) in seinem Vortrag „Mit Goethe gegen die deutsche Nation? Franz Liszt und die Idee einer Goethe-Stiftung“. Darin ging der Historiker auf die Rückentwicklung universalistischer Denkansätze ein, die ab ca. 1840 durch den Vormarsch nationalistischer Ideen verdrängt wurden. Liszts Idee von der Vereinigung der Künste sei daher als Relikt des um 1800 noch dominant gewesenen Universalismus aufzufassen. Andererseits verfolgte Liszt mit dem Projekt Goethe-Stiftung auch einen „romantischen Nationalismus“, der, so Ries, nicht politische Vereinigungen und Institutionen, sondern subjektive ästhetische Erfahrungen und Sinneseindrücke als primäre Triebfedern des Nationalismus begriff.
In den Darstellungen seiner Zeitgenossen bestätigt sich das Bild von Liszt als wahrem Europäer: Nicolas Dufutel (Weimar) zeigte anhand von Briefen des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach aus mehreren Archiven, wie Liszt, auch in den Zeiten, in denen er länger in Weimar weilte, durch Carl Alexanders Netzwerk an Briefpartnern europaweit von sich reden und schreiben machte.
Eine mediale Netzwerkanalyse unternahm der Germanist Cord-Friedrich Berghahn (Braunschweig) in seinem Beitrag „Weltliteratur und poetische Musik: Intermedialität in den Années de Pèlerinage (Suisse & Italie)“. Berghahn stützte sich in seiner Betrachtung auf die Erstdrucke mit den von Liszt vorgesehenen, in späteren Editionen jedoch ausgelassenen Abbildungen und komplexen literarischen Verweisstrukturen.
Wie Jonathan Bellman (University of Northern Colorado, USA) in seinem Vortrag „Franz Liszt and the Anxiety of National Identity“ darlegte, macht das Wissen um Liszts breiten kulturellen, künstlerischen und politischen Horizont eine äußerst kritische Betrachtung der vermeintlich folkloristischen Idiome in seinen Kompositionen notwendig. Dem Kosmopoliten Liszt ging es, so Bellman, weniger um Authentizität als um seine ganz persönliche Wahrnehmung der verschiedenen nationalen Stile, deren Gesamtheit die „musikalische Muttersprache“ (Bellman) Liszts ausmache.
Das Augenmerk des zweiten Teils des Symposiums lag auf Kompositionstechniken und nationaler Identität bei Liszt und seinen Zeitgenossen. Wie seine Vorredner im ersten Teil zog auch Gunnar Hinrichs (Heidelberg) eine Verbindungslinie zwischen Liszts komponierter Perzeption des ungarischen Idioms und seinem universalistischen Ideal. So verknüpfte er die „Musik über Musik“ in den „Ungarischen Rhapsodien“ mit der Übersetzungstheorie Walter Benjamins, nach der die Idee einer nachbabylonischen Einheitssprache eine Prämisse jedweder Übersetzung bildet. Dass Liszts Geschick darin, durch musikalische Zitate aus der ungarischen Unterhaltungsmusik einen Hauch von Ungarn zu evozieren, auch rumänische Komponisten auf ihrer Suche nach einer gemeinsamen nationalen Identität beflügelte, thematisierte Valentina Sandu-Dediu (Bukarest). Auch Kenneth DeLong (University of Calgary) erweiterte den Blickwinkel auf patriotische Bewegungen und nationales Denken im 19. Jahrhundert durch Betrachtungen der tschechischen Nationalkultur.
Mit Kontextstudien begann auch der dritte Teil des Symposiums, der dem späteren 19. Jahrhundert gewidmet war: Jens Hesselager (Kopenhagen) besprach in seinem Vortrag Brückenschläge zwischen Patriotismus und Weltbürgertum in den Werken des dänischen Komponisten Henrik Rung, die der Verquickung des Lokalen mit dem Globalen in Liszts Werk nicht unähnlich sind. Dass diese Verquickung Liszt nicht immer leicht von der Hand ging, demonstrierte anschließend Ágnes Watzatka (Budapest) anhand der Entstehungsgeschichte der Ungarischen Krönungsmesse. Die enge Verbindung von Universalität und Liszts Religiosität stand im Zentrum der Ausführungen von Rosanna Dalmonte (Bologna). Liszts Verständnis von Religion war mitnichten ein konfessionelles, so ihre These, sondern eines, welches aus der Idee des Universalismus hervorging. Seine sakrale Musik sei somit weniger durch die Fortsetzung kirchenmusikalischer Traditionen gekennzeichnet als durch eine Synthese heterogener musikalischer Elemente.
„Liszt-Nachfolge und der Abschied von kosmopolitischen Ideen“ war der vierte und letzte Teil des Symposiums überschrieben. Mit der Rezeption von Liszts künstlerischem Selbstentwurf und seiner Pianistik bei Ferrucio Busoni beschäftigten sich Susanne Fontaine und Thomas Menrath (Berlin). Ihnen schloss sich Thomas Schipperges (Mannheim) mit Ausführungen zum ästhetischen und ethisch-humanistischen Erbe Liszts an. Dorothea Redepenning spannte in ihrem abschließenden Vortrag einen weiten zeitlichen Bogen, der von Liszts Weimarer Zeit bis in die letzten Lebensjahre des Komponisten reichte, dabei Kernthesen vorheriger Tagungsbeiträge aufgriff und um Bemerkungen zu Liszts Spätwerk ergänzte. So ging sie noch einmal auf das Verhältnis von Weltbürgertum und nationalem Denken ein, das sich im Zuge der politischen Fronten- und Kräfteverschiebungen nach Ende des deutsch-französischen Kriegs 1871 und des damit einhergehenden Wertewandels in Europa stark veränderte. Das emphatische Modell der „Zukunftsmusik“, so Redepenning, war 1871 überholt. Wie sensibel der Komponist dieser Zeitenwende gewahr wurde, zeigt das in seinen letzten Werken zunehmend introvertierte und selbstreflexive Spiel mit eigenen Stilcharakteristika und künstlerischen Visionen, die nunmehr der Vergangenheit angehörten, in dieser rekontextualisierten Form – d.h. als musikalische Zitate – jedoch von nachfolgenden Generationen als zukunftsweisend gelobt wurden.
Musikalisch umrahmt wurde das Symposium von Darbietungen des Heidelberger Organisten Markus Uhl sowie von Studierenden der Musikhochschule Mannheim, die zum Abschluss der Tagung Lieder und Melodramen, Liedtranskriptionen und Kammermusik von Liszt zur Aufführung brachten.

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