Tagungsberichte | 2013

Halle (Saale), 21. bis 23. September 2011:

„1. Studienkurs am Händel-Haus zum Oratorium Samson“

von Daniel Samaga, Hannover

Am 21. September kamen in Halle an der Saale acht Studierende aus verschiedenen Orten der Bundesrepublik und Österreichs zusammen – das Händel-Haus veranstaltete das erste Mal einen Studienkurs für fortgeschrittene Studierende der Musik und Musikwissenschaft. Im Zentrum des Kurses stand die Edition des Händel-Oratoriums Samson.

Nach begrüßenden Worten durch den Direktor der Stiftung Händel-Haus Clemens Birnbaum und Wolfgang Hirschmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg präsentierte Konstanze Musketa, Organisatorin des Studienkurses und Leiterin der Abteilung „Bibliothek, Archiv, Forschung“, das umfangreiche Programm der drei Tage. Erster Programmpunkt war die Vorstellung der Hallischen Händel-Ausgabe (HHA). Annette Landgraf stellte die Geschichte der Händel-Ausgaben von zeitgenössischen Drucken bis zur eigenen Arbeit vor und führte dazu auch durch die Redaktion der HHA. Am Nachmittag setzte Konstanze Musketa die Führung durch die übrigen Institutionen am Händel-Haus wie Bibliothek und Instrumentenwerkstatt fort. Anschließend erläuterte Gert Richter, Betriebsleiter des Museums, Konzept und Design der 2009 eröffneten Ausstellung „Händel der Europäer“. Christiane Barth, Kustodin der Musikinstrumenten-Ausstellung, präsentierte darauf die Sammlung historischer Musikinstrumente – insbesondere Tasteninstrumente des 18. Jahrhunderts. Der erste Tag endete mit dem Vortrag „Händel als Kommunikationspsychologe“ von Hans Dieter Clausen, in dem er die Charakterisierung der Figuren Harapha, Dalila und Manoa beim Zusammentreffen mit der Titelfigur aus dem Oratorium Samson durch Händels Musik analysierte.
Der zweite Tag begann mit einem von Hans Dieter Clausen geleiteten Seminar zur Edition des Oratoriums Samson. Clausen, der erst kürzlich dieses Werk für die HHA ediert hat, führte in die Quellenlage bei Händels Vokalwerken ein und erläuterte den Teilnehmern des Studienkurses, welche Fakten zur Beschreibung einer Handschrift oder eines Druckes in der Edition genannt werden sollten. Dabei lernten die Kursteilnehmer einiges über Wasserzeichen, Lagenordnungen, Rastrierungen und Anderes. Die Notwendigkeit einer Filiation zur Ermittlung des Codex optimus legte Clausen zum Abschluss dieser ersten Sitzung dar. Am Nachmittag referierte Bernhard Forck von der Akademie für Alte Musik Berlin über historische Aufführungspraxis. Forck sah historische Aufführungspraxis nicht als einzigen Weg zur Interpretation von Alter Musik, zeigte den Teilnehmern aber die Eigenheiten auf, welche bei jeder Interpretation beachtet werden sollten. Anschließend stellte Katrin Gerlach Methode, Ziele und Zeitplan des Forschungsprojekts zur Rezeptionsgeschichte Händels in den Diktaturen Deutschlands vor, bevor sich die übrigen Projektmitarbeiter den spezifischen Themengebieten widmeten. Juliane Riepe zeigte auf, dass sich auf Grund fehlender Selbstzeugnisse bereits kurz nach Händels Tod Bilder wie „der Kämpfer“ oder „der Nichtkirchliche“ etablierten, die von den Regimes aufgegriffen und angepasst wurden. Über Umarbeitungen Händelscher Oratorien während der NS-Zeit etwa durch Bereinigung von Judaismen oder komplette Neutextierungen, die ohne politischen Druck vorgenommen wurden, referierte Lars Klingberg. Er wies auch auf einige Aufführungen hin, die ohne Bearbeitungen auskamen und im Rahmen des Projektes noch erforscht werden müssten. Katrin Gerlach wendete sich darauf der DDR-Kulturpolitik zu und verortete die Rolle der Musik im Sozialistischen Realismus an Hand der 1952 veröffentlichten Schrift „Musik im Zeitgeschehen“ von Ernst Hermann Meyer. Dass man in Abgrenzung zum Faschismus anfänglich auf Neutextierungen in der DDR weitestgehend verzichtete, dafür aber Händels Werke für das Volk – gegebenenfalls mit dessen Einbeziehung – bearbeitete, legte nochmals Klingberg dar. Abschließend wurde ein Videoausschnitt einer deutschsprachigen Fassung der Händel-Oper Poro von Heinz Rückert aus dem Jahre 1956 präsentiert, in der Alexander als gnadenloser Herrscher auftritt.
Der dritte und letzte Tag begann mit der zweiten Sitzung des Seminars zur Edition des Samson. In dieser ging es nun um die Entscheidungen des Editors bei der Übertragung des Notentextes. Clausen machte deutlich, dass eine Edition eines Werkes immer auf den Entscheidungen des Herausgebers – etwa Wahl der Lesart, Emendierungen, Setzung von Artikulationszeichen etc. – beruhe und diese deshalb begründet sein sollten, wozu der kritische Bericht ausgiebig genutzt werden muss. An drei ausgewählten Beispielen aus dem Editionsprozess des Samson sollten die Teilnehmer dieses selbst nachvollziehen. Als letzten Programmpunkt stellte Jens Wehmann das Digitalisierungsprojekt und die Datenbanken der Bibliothek des Händel-Hauses vor. In Zukunft sollen der Inszenierungskatalog zu Händel-Opern, die Händel-Bibliografie und die Digitalisate stärker vernetzt werden und gegebenenfalls über ein gemeinsames Portal erreichbar sein.
2012 soll ein weiterer Studienkurs mit neuem Themenschwerpunkt stattfinden. Die Teilnehmer dieses Kurses fanden ihren Aufenthalt im Händel-Haus jedenfalls lohnend und lehrreich. Deshalb kündigten sie auch an, sich unter gegebenen Umständen für den nächsten Kurs wieder zu bewerben.