Tagungsberichte | 2013

Wien, 27. und 28. Mai 2011:

„Bach & Wien. Die Wiener Bach-Tradition, ihre Träger, Überlieferungswege und Auswirkungen im 18. und frühen 19. Jahrhundert“

von Wolfram Enßlin, Leipzig

Kein Mitglied der Bach-Familie im engeren Sinne (d.h. Johann Sebastian Bach sowie seine Söhne) war je in Wien. Die beiden einzigen Male, dass Johann Sebastian Bach Boden des damaligen Habsburger Reiches betreten hat, waren bei Kuraufenthalten im böhmischen Karlsbad. Dennoch setzte sich die Musikwissenschaft immer wieder mit dem Thema „Bach und Wien“ bzw. „Bach und Österreich“ auseinander. Zu spannend war und ist es, der Frage nachzugehen, inwieweit, wann und in welcher Form die Kompositionen der – mit Ausnahme von Johann Christian Bach – fest im lutherischen Protestantismus verwurzelten Bach-Familie im streng katholischen Österreich Verbreitung gefunden und auf die vor allem in Wien tätigen Musiker Einfluss ausgeübt haben (etwa auf die Wiener Klassiker).


Zahlreichen dieser Studien aber mangelte es bislang an einer fundierten Kenntnis der diesbezüglichen musikalischen Quellenlage. Dieses Desideratum konnte nun von Christine Blanken (Leipzig) im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsvorhabens des an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig angesiedelten Forschungsprojekts „Bach-Repertorium“ eingelöst werden, und zwar in Form des zweibändigen Katalogs „Die Bach-Quellen in Wien und Alt-Österreich“ (Leipziger Beiträge zur Bachforschung 10), dessen Vorabdruck am 27. Mai 2011 im Institut für Musikwissenschaft an der Universität Wien vorgestellt wurde. Im Handel wird der Katalog ab Herbst 2011 erhältlich sein.
Mehr als 1110 Quellen liegen hier nun wissenschaftlich detailliert erschlossen in Buchform vor. Die Liste der dabei erfassten Bibliotheken ist lang, reicht sogar über das Riesengebiet des damaligen Habsburgerreiches hinaus, da beispielsweise auch die Bestände der Bach-Quellen Wiener Provenienz in der Staatsbibliothek Berlin (aus den Sammlungen Fischhof und Fuchs) mit aufgenommen wurden. Doch auch heute in Hamburg, Paris, Cambridge/Mass. und Ann Arbor befindliche Quellen Wiener bzw. österreichischer Provenienz finden hier Berücksichtigung. Herausgekommen ist ein beeindruckender Katalog, mit dem, wie Christine Blanken bei ihrer Präsentation treffend formulierte, das Thema „Bach und Wien“ nicht etwa beendet sei, sondern die eigentliche wissenschaftliche Beschäftigung nun so richtig beginnen kann.
Um diese Buchpräsentation herum wurde von dem Wiener Institut für Musikwissenschaft in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften Leipzig, dem Bach-Archiv Leipzig und dem Verein der Freunde des Instituts für Musikwisschaft an der Universität Wien eine 1½-tägige Konferenz organisiert, bei der man sich in kleinen Einzelstudien auf unterschiedliche Weise dem Thema „Bach und Wien“ näherte. Aspekte wie mögliche Überlieferungswege, Kontakte der Bach-Familie zu in Wien bzw. Österreich ansässigen Musikern, Musikliebhabern und Musikverlagen, Rekonstruktionen wichtiger Privatbibliotheken sowie der Kulturtransfer zwischen Wien und Dresden wurden dabei in den Fokus genommen.
In seinem der eigentlichen Konferenz vorangestellten Festvortrag „Mozart und Bach: Salzburg-Wien-Leipzig-Berlin“ legte Christoph Wolff (Leipzig/Cambridge USA) den Akzent auf eine bereits mit Leopold Mozart einsetzende Kontinuität und problematisierte vielmehr den Begriff des sogenannten „Bach-Erlebnisses“ W. A. Mozarts in Wien im Kreise van Swietens, was Wolff nicht daran hinderte, die neue Qualitätsstufe von Mozarts Kompositionen speziell seit 1782 zu unterstreichen, die sich in der Integration einer polyphonen Schreibweise, kombiniert mit dem individuellen Mozart-Stil niederschlug. So wandele Mozart Traditionelles in Innovatives um. Wolff kam zu dem Schluss, dass rezeptionsgeschichtlich „die Bachsche Kunst als Quelle der Kreativität ohne Mozart anders verlaufen“ wäre.
Otto Biba (Wien) sowie Michael Maul (Leipzig) beschäftigten sich in ihren Beiträgen mit biographischen Verbindungen J. S. Bachs zu österreichischen Persönlichkeiten und führten dabei frühere eigene Forschungen weiter. Ausgehend von Quittungen Bachs aus dem Jahre 1747 für Eugen Wenzel Reichsgraf von Wrbna für erteilten Klavierunterricht und Klaviermiete ging Biba der Frage nach Wrbnas musikalischer Bildung und Einfluss sowie derjenigen der ganzen Familie nach, da es auffällig ist, dass keine andere Familie so viele Kompositionswidmungen aufweisen kann wie diejenige der Wrbnas. Aufgrund durch Brand zerstörter Unterlagen, die den Konkurs des Reichsgrafen betrafen, konnte bislang nicht die Existenz einer vermuteten größeren Musiksammlung Wrbnas nachgewiesen werden. Maul widmete sich den Grafen Sporck und Questenberg. Sporcks Bekanntschaft mit Bach, der ihm 1724 den Stimmensatz zum Bachschen Sanctus zur Verfügung stellte und ihn dann nicht wieder zurückbekam, könne nicht auf ein Treffen in Karlsbad zurückgehen, da Sporck sich während Bachs dortigen Aufenthalten nachweislich woanders befunden habe, ganz im Gegensatz zum Grafen Questenberg, den Bach 1718 in Karlsbad getroffen haben könnte. Dieser Graf Questenberg mag die Verbindungsperson gewesen sein zwischen Bach und der „Caecilien-Congregation“ in Wien, dessen Sekretär Questenberg war, falls, so eine Möglichkeit, der Maul seit 2007 nachgeht (siehe auch Mauls Artikel im Bach-Jahrbuch 2009), die Bachsche h-Moll-Messe für eine Aufführung im Rahmen der Feierlichkeiten am Namenstag der Patronin (22.11.) im Stephansdom 1749 bestimmt gewesen sein sollte. Bleibt abzuwarten, ob sich diese Hypothese durch das Auffinden neuer Quellen weiter erhärten lässt.
Die immer wieder geäußerte These, dass der Wiener Hoforganist Gottlieb Muffat einer der frühesten Überlieferungsträger Bachscher Kompositionen für Tasteninstrumente in Wien gewesen sein könnte, kann, so Alison Dunlop (Belfast/Wien), aufgrund der herrschenden Quellenlage nicht weiter bestätigt werden.
Am Beispiel des Klavier-Divertimentos, in Wien um 1750 geprägt, mit Dresden als wichtigstem Nebenschauplatz, legte Ulrich Leisinger (Salzburg) den Kulturtransfer zwischen Wien und Dresden offen, wobei Wien in diesem Fall mehr die gebende und Dresden mehr die nehmende Stadt war. Die enge Verbindung zwischen beiden Städten beruhte gerade in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert auf engen familiären Bindungen beider Herrscherhäuser.
In ihrem Referat über den Reichshofrat Carl Adolf von Braun konnte Iulia Anda Mare (Leipzig/Cluj Napoca) die korrekte Identität des vor allem in der Mozart-Forschung lange Zeit falsch identifizierten Subskribenten Braun für die Mozartakademien im Trattnersaal bekräftigen. Dieser laut Friedrich Nicolai „größte Kenner der Musik unter den Liebhabern“ gehörte einem kleinen Kreis protestantischer Reichshofräte am Wiener Hof an, die ein dezidiertes Interesse an der Musik der Bach-Familie, insbesondere an derjenigen C. P. E. Bachs, besaß, was sich in zahlreichen Pränumerationen von dessen Musikdrucken äußerte. Auch die Verbreitung der Bachschen Musik nach Siebenbürgen über Braun lässt sich nachweisen. „Die Aufführung Bachscher Musik in Siebenbürgen kann“, so Mare, „genauso wie in Wien als protestantische Identität mitten in einem katholischen Land begriffen werden.“
Christine Blanken (Leipzig) widmete sich in ihrem Beitrag über van Swieten dessen Besitz Bachscher Werke in seiner Musikbibliothek. Bei ihren Recherchen im Zusammenhang mit der Erstellung ihres Katalogs konnte sie zahlreiche weitere Bach-Quellen aus van Swietens Besitz nachweisen; ein Beleg für die These, dass van Swietens Bachbibliothek größer gewesen sei als zuletzt angenommen.
Den wissenschaftlichen Abschluss der Tagung bildete Marko Motniks (Wien) Vortrag über den vor allem in der Beethoven-Forschung berühmt-berüchtigten Sammler Sigmund Austerlitz, einem ungarischen Bankier, der sich anfangs als seriöser Musikaliensammler betätigte, später dann aufgrund einer psychotischen Schizophrenie-Erkrankung jede musikalische Handschrift als Beethoven-Autograph deklarierte. Über Abschriften Albrechtsbergers vom Musikalischen Opfer sowie vom Wohltemperierten Klavier I und II aus Austerlitz’ Besitz erfuhr man Aufschlussreiches über die Bach-Rezeption bei Albrechtsberger.
Die Tagung klang musikalisch aus mit einem speziell zu diesem Anlass zusammengestellten Konzertprogramm in der Lutherischen Stadtkirche Wien mit dem Titel „Bach à deux“ mit Werken der Bach-Familie, Mozart und Anne Louise Brillon de Jouy für die Besetzung Cembalo und Fortepiano. Sonja Leipold und Mario Aschauer (beide Wien) beeindruckten die Zuhörer mit ihrem nuancierten, ausgewogenen und feinfühligen Tastenspiel.