Tagungsberichte | 2013

Tel-Aviv, 30. Juni bis 1. Juli 2013

Jahrestagung der Israeli Musicological Society (IMS)

von Benjamin Perl, Tel Aviv

In Israel gibt es seit Jahrzehnten eine rege musikwissenschaftliche Tätigkeit. Bevorzugte Themen sind naturgemäß die Geschichte der jüdischen Musik und Liturgie, die Ursprünge des hebräischen Volklieds und die neu-israelische Kunstmusik. Aber israelische Musikwissenschaftler befassen sich auch mit allen weltweit aktuellen Themen, wie der Geschichte der Musik im Westen, Musiktheorie, Musikpsychologie, Pädagogik und Ethnomusikologie. Die israelische Sozietät für Musikwissenschaft umfasst gegen 100 Forscher und kommt jährlich zu Beginn des Sommers zusammen, jedesmal von einer anderen Universität beherbergt. Dieses Jahr war der Kongress in der Levinsky-Hochschule für Musiklehrer in Tel-Aviv zu Gast.

Die diesjährige Konferenz war besonders vielfältig, und die mannigfaltige Verzweigung der israelischen Musikwissenschaft kam in ihr deutlich zum Ausdruck. Für die GfM mag es von besonderem Interesse sein, dass diesmal drei deutsche Forscher an dem Kongress teilnahmen: Claus H. Canisius von der Musikhochschule Freiburg im Breisgau, Christine Siegert von der UdK Berlin, und Dörte Schmidt, gleichfalls von der UdK und Vizepräsidentin der GfM. Von den Beiträgen der beiden Letztgenannten wird noch die Rede sein.

Drei Schwerpunkte der Konferenz sollen hier etwas ausführlicher besprochen werden: eine Sitzung zum Andenken an Mark Kopytman, eines bedeutenden, jüngst verschiedenen israelischen Komponisten, die dem deutsch-israelischen "Sarti-Projekt" gewidmete Sitzung, und die Sitzung zur Würdigung des Buches der israelischen Musikwissenschaftlerin Ruth Hacohen, das voriges Jahr den ersten Preis der American Musicological Society gewann.

Mark Kopytman (1929-2011), in Russland geboren und seit 1972 in Israel wohnhaft, Professor für Komposition an der Musikakademie von Jerusalem und zeitweise ihr Rektor, war einer der fruchtbarsten und einflussreichsten Komponisten dieses Landes. Yulia Kreinin von der Hebrew University Jerusalem bot in ihrem Beitrag eine Übersicht über Kopytmans theoretische Schriften, die sich meist mit praktischen Problemen der Kompositionspraxis beschäftigen. Die Historikerin der israelischen Kunstmusik Ronit Seter betonte Kopytmans Bedeutung als Musikpädagoge, dessen Schüler zum Teil international anerkannte Komponisten wurden, unter ihnen der in Argentinien geborene und in den USA tätige Osvaldo Golijov. Ferner erwähnte sie Kopytmans Begegnung mit der jüdisch-orientalischen Liturgie, als er in Israel einwanderte, und den Einfluss der für diese Tradition typischen Heterophonie auf seine von diesem Zeitpunkt an komponierten Werke. Die Sitzung endete mit einem Forum über Kopytmans Schaffen unter Teilnahme einiger seiner Schüler und Kollegen. Im Rahmen der Konferenz wurde auch ein Konzert mit einer Auswahl von Kopytmans kammermusikalischen Werken veranstaltet.

Giuseppe Sarti (1729-1802) war einer der wichtigsten Schöpfer der opera seria in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dessen in ganz Europa verbreitete Tätigkeit bis jetzt von der Musikforschung nicht hinreichend gewürdigt wurde. An der Schließung dieser Lücke arbeitet jetzt ein deutsch-israelisches Team von Musikwissenschaftlern, dessen Vorsitzende Christine Siegert (UdK, Berlin), Bella Brover-Lubovsky (Hebrew University, Jerusalem) and Dörte Schmidt (UdK, Berlin) sind. Eine vorläufige Zusammenfassung der Befunde dieses Teams wurde in der Tel-Aviver Konferenz von den drei Vorsitzenden vorgestellt. Bella Brover-Lubovsky sprach von den in der Renaissance entzifferten altgriechischen musikalischen Fragmenten und ihrer Verwebung in der Oper des späten settecento, als Ausdruck der tiefen Verehrung dieser Epoche für die altgriechische Kultur. Christine Siegert analysierte einige Szenen aus opere serie mit der stummen Beteiligung von Kindern, die auf besondere Weise in die Handlung eingreifen und auf das dramatische Gleichgewicht einwirken. Unter anderen wurde eine Szene aus Sartis "Giulio Sabino" (1781) als Beispiel herangezogen. Dörte Schmidts Beitrag handelte von der Verbreitung von Opernpartituren, insbesondere von Werken von Giuseppe Sarti, in handschriftlicher und gedruckter Form, in den verschiedenen europäischen Musikzentren, den immer sich verändernden Versionen, und der heutigen Technologie-gesteuerten Möglichkeit, das Werk nicht in einer definitiven Form vorzulegen, sondern in allen seinen über mehrere Jahrzehnte hinweg entstandenen Fassungen gleichzeitig.

"The Music Libel against the Jews" (Die Musikanklage gegen die Juden) ist der Titel von Ruth Hacohens preisgekröntem Buch, das sich an der Grenze zwischen Musikwissenschaft, Geschichte und Wissenschaft des Judentums bewegt. Es zielt auf den seit der Renaissance bis in unser Zeitalter immer von neuem erhobenen Vorwurf, die Juden seien ein unmusikalisches, sogar antimusikalisches Volk, dessen Musik, besonders in der Synagoge, als Lärm dargestellt wird. Die wohl extremste Beschuldigung dieser Art ist Richard Wagners "Das Judentum in der Musik" (1850). Hacohen verfolgt diese antisemitisch gefärbte Tradition über fünf Jahrhunderte und bringt sie mit den verschiedensten kulturgeschichtlichen Entwicklungen in Zusammenhang. Ronit Seter verglich Hacohens Arbeit mit mehreren anderen Veröffentlichungen zu diesem Thema in den letzten Jahren. Don Harran (The Hebrew University Jerusalem) zitierte noch frühere, mittelalterliche Quellen zu dieser Anschuldigung, und brachte auch zahlreiche Beispiele zu einer entgegengesetzten Auffassung, die die zentrale Rolle der Musik als verklärender Agent in der jüdischen Liturgie hervorheben.

Viele weitere spannende Sektionen und Referate dieses Kongresses müssen hier aus Raummangel unerwähnt bleiben.

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