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18. - 20. Juni 2020

Call for Papers

50+ Years of Creative Music:
Anthony Braxton – Komponist, Multiinstrumentalist, Musiktheoretiker

Internationale Tagung
18. Juni bis 20. Juni 2020

Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg Neue Rabenstr. 13, 20354 Hamburg

Im Juni 2020 feiert Anthony Braxton seinen 75. Geburtstag. Seit über einem halben Jahrhundert gehört er als Komponist, Multiinstrumentalist, Musiktheoretiker, Pädagoge, Mentor und Visionär zu den Schlüsselfiguren der zeitgenössischen, avantgardistischen Musik. Braxton selbst nennt seine Musik transidiomatisch: "creative music", die gleichermaßen aus dem Jazz, der europäischen Kunstmusik und der Musik unterschiedlicher Weltkulturen Anregungen bezieht. In der ersten internationalen Tagung, die sich seinem umfangreichen Werk widmet, sollen vom 18. bis 20. Juni 2020 an der Universität Hamburg Forschungsergebnisse diskutiert werden, die die kompositorischen Verfahren Braxtons, den Instrumentalisten und seine musikphilosophischen Ansichten beleuchten.

 Die erste Hälfte seiner Schaffenszeit umfasst den Zeitraum von 1967 bis Anfang der neunziger Jahre. In dieser Zeit stieg er, obgleich immer hochumstritten und unangepasst, zu eine Art "superstar of the jazz avant-garde" (Bob Ostertag) auf. In diese Zeitspanne fällt unter anderem seine AACM-Periode, die Band Circle, die Aufnahmen für des major labels Arista und für zahllose unabhängige, meist europäische Plattenfirmen, die Entwicklung seiner Solomusik (language music), die Genese seiner co-ordinate music für kleine Ensembles (Quartett, Quintett), seine frühen Pianostücke, (Creative oder Multi-)Orchesterkompositionen, Standardeinspielungen sowie die Publikation seiner Musikphilosophie Tri-axium Writings (3 Bände) und die Composition Notes (5 Bände). Diese Schriften sind bisher musikwissenschaftlich und musikphilosophisch kaum eingehend untersucht worden.

Noch weniger Aufmerksamkeit hat seine musikalische und gedankliche Entwicklung seit Mitte der 1990er Jahre erhalten. In dieser Phase baut Braxton teils grundlegende Kompositionsprinzipien der früheren Jahre aus, teils werden gedankliche Leitlinien und musikalischen Ansätze umdefiniert oder neujustiert und schließlich arbeitet er an den zwölf Bausteinen eines holistischen Systems, das er tri-centric music, tri-centric thought unit oder tri-centric modeling nennt. Grundlegend für diese Phase sind der Aufbau seiner Tri-Centric Foundation, die Gründung eines eigenen Plattenlabels (Braxton House bzw. New Braxton House) sowie auf kompositorischer Ebene die Entwicklung der Ghost Trance Music, einer Musikform, die Braxtons Anliegen einer kreativen Verschmelzung von Komposition und Improvisation erfüllt. Im Mittelpunkt seiner aktuellen kompositorischen Arbeit steht die Ausarbeitung eines erst teilweise vollendeten Opernzwölfteilers, der 36 Akte umfassen soll (Trillium). Zu den weiteren, meist gut dokumentierten Musikkonzepten gehört eines, das Klang- und Bewegungsabläufe choreografiert (Pine Top Aerial Music), ein anderes, das elektronische Sounds interaktiv einsetzt (Diamond Curtain Wall Music), ein nächstes, das die intuitive Interpretation von Formen, Zeichen und Symbolen verlangt (Falling River Music), ein weiteres, das die Musiker auffordert, iPods einzusetzen, auf denen das Gesamtwerk Braxtons aufgenommen wurde (Echo Echo Mirror House) und ein jüngstes, das mit Sounddynamiken operiert (ZIM Music).

Der Schwerpunkt der Tagung soll auf Vorträgen (45 Minuten) zur zweiten Schaffenshälfte Braxtons liegen, wobei selbstverständlich seine vorangegangenen Konzepte ebenfalls zu berücksichtigen sind. Wir erbitten Abstracts zu den drei Schwerpunktthemen der Veranstaltung:

1. Der Komponist: Das Werk Braxtons umfasst über 500 Kompositionen von überwältigender Vielfalt. Neben den zuvor genannten Werkgruppen beinhaltet es Spielanweisungen für Soloinstrumentalisten (language music), notierte Klavierwerke, Arbeiten für 100 Tubas, für Flöten- oder Vokalensemble, für Streichquartett, für Orchester und einem Puppentheater, für vier Orchester, Duette für einen Instrumentalisten und einen Stand-up Comedian und vieles andere. Jede Komposition kann als ganze oder als Teil in beliebiger Weise mit anderen Kompositionen und Kompositionsfragmenten kombiniert werden. Von Beginn an suchte Braxton nach Wegen, Improvisation und Komposition miteinander in eine fruchtbare Beziehung zu setzen. Gerade in den letzten zwanzig Jahren hat er zu faszinierenden Lösungen und einem ausgeklügelten Notationssystem gefunden, das neben der traditionellen Notationstechnik mit Zeichen, Graphiken und narrativ-poetischen Elementen arbeitet. Wünschenswert wären Forschungsbeiträge, die sich mit den Partituren analytisch auseinandersetzen, die einzelne Werke oder ganze Werkgruppen untersuchen, die bestimmte Aspekte herausarbeiten (z.B. harmonische, rhythmische, melodische) oder Gemeinsamkeiten und Differenzen zu anderen Komponisten und Musikstilen thematisieren.

2. Der Multiinstrumentalist: Wie viele Mitstreiter der afro-amerikanischen Künstlerorganisation AACM hat Braxton sich von früh an als ein Multiinstrumentalist profiliert. Neben dem Altsaxophon spielt er so gut wie sämtliche Saxophone und Klarinetten, mit Vorliebe solche mit extrem hohen oder tiefen Tonlagen, zudem Flöte, Piano, Percussion uam. Sein Spiel insbesondere auf den Holzblasinstrumenten ist unverwechselbar, doch es hat sich verändert. Dazu gibt es aber kaum seriöse Untersuchungen. Es fehlt generell an Analysen seines Instrumentalstils, und erst recht an solchen, die differenzieren zwischen dem Solisten und Ensemblemusiker, dem Liveperformer und Studiomusiker, dem Interpreten eigener und fremder Kompositionen und dem Musiker im Kontext von notierten Stücken und freier Improvisation.

3. Der Musiktheoretiker: „His rhetoric and writing alone make him a hugely influential figure in free music“, schätzt der Musiker und Musiktheoretiker Joe Morris die Bedeutung von Braxtons Gedankenwelt ein. Ohne Frage sind die insgesamt mehrere 1000 Seiten umfassenden Schriften Braxtons in der Jazzwelt beispiellos, was die theoretische Durchdringung der eigenen Arbeit angeht. Das in den Texten enthaltene philosophische und musiktheoretische Potential ist von der Wissenschaft noch wenig erschlossen wurden. Angefangen bei Braxtons eigenwilliger Diktion und seinen Neologismen (beides lässt sich auch in seinen Interviews und Liner Notes studieren), über seine Ansichten zu Kreativität, Black Exotica, Musikjournalismus, Jazz Rock, westlicher Kunstmusik, Weltmusik, weißen Improvisationsmusikern bis hin zu seinen un- ja antiakademischen Werkanalysen bieten seine Schriftquellen viele Möglichkeiten der gedanklichen Auseinandersetzung, die wir uns auf der Tagung wünschen.

Wir freuen uns über ein- bis zweiseitige Abstracts (in deutscher oder englischer Sprache), die bis zum 1. September 2019 bei den beiden Organisatoren per Mail einzureichen sind.

Es bedanken sich die Organisatoren:

Prof. Dr. Friedrich Geiger (Universität Hamburg; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Prof. Dr. Timo Hoyer (Pädagogische Hochschule Karlsruhe; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)