Aktuelles | Tagungen

5. - 6. September 2019

Musik im Körper - Körper in der Musik. Körper an der Schnittstelle von musikalischer Praxis und Diskurs

Tagung: 5./6.9.2019, Musikwissenschaftliches Seminar der Georg-August-Universität Göttingen

(English version below)

Unser Körper bildet die Basis jeglicher musikalischer Handlung, Äußerung und Erfahrung. Musik wirkt in Form von Schallwellen unmittelbar körperlich; ein Instrument wird erst durch das körperlich-aktive Zutun eines Menschen in Schwingung versetzt; ein Notentext wird erst durch die Körperlichkeit seiner Interpretin zu Musik; ein alter Rock’n’Roll-Klassiker, der uns durch das Radio erreicht, zeigt seine unmittelbare Wirkung auf unseren Körper im Mitwippen unserer Beine und Hüften. Trotz dieser unbestreitbaren Präsenz des Körperlichen in musikproduktiven und -rezeptiven Bereichen wurde der Körper gerade von Seiten der Historischen Musikwissenschaft lange mit Missachtung gestraft – ungeachtet der Aufmerksamkeit, die der Körper als Wissensspeicher und -medium in anderen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften erfuhr. Zwar spielt Körperlichkeit in musikwissenschaftlichen Annäherungen der Bereiche Affect-, Gender- und Performance-Studies, in denen die Präsenz des Körpers offensichtlich ist, sowie in der Popularmusikforschung seit dem performative turn eine immer wichtigere Rolle, doch mündeten diese Annäherungen bisher nicht in einer umfassenderen theoretischen Grundlegung des Musikbegriffs in seiner unhintergehbaren Körperlichkeit. Die Musikwissenschaft bezieht sich vielfach auf einem autonomieästhetischen Musikbegriff, der wesentlich durch eine „Marginalisierung des Körpers durch die Autonomie des Geistes“ (Traudes 2012) bestimmt ist: Nicht nur der performative Körper gilt hier als transparentes Medium, das lediglich dazu dient, die Geist-geleiteten Intentionen des Komponisten zu transportieren, sondern auch die Hörerschaft soll sich die erklingende Musik idealerweise nicht durch körperliche Reaktionen, sondern durch geistige Reflexionen erschließen – die eigentliche Musik steckt im vom Meister notierten Kunstwerk, das an eine bestimmte ideologisierte Lektüre geknüpft ist. Die Bedeutung dieser Ausklammerung des Körpers für das Denken über Musik gilt es sichtbar zu machen und zu überwinden. Ebenso müssen Konsequenzen, die der Einbezug des Körpers hat oder haben kann, herausgearbeitet, aufgezeigt und diskutiert werden.

Unsere Tagung soll Wege in eine Grundlagendiskussion eröffnen. Wie lassen sich Körper und (musikbezogenes) Wissen konzeptuell verknüpfen? Welche Auswirkungen hat die aktuelle Präsenz des Themas in angrenzenden Bereichen auf erkenntnistheoretische Debatten, die im Fach Musikwissenschaft geführt werden (können)? Wie ist Körper als zentrale musikwissenschaftliche Kategorie zu denken?

In zwei aufeinander bezogenen Blöcken zur Produktions- und Rezeptionsperspektive sollen die körperlichen Dimensionen historischer, sozialer, symbolischer und kultureller Praxis betrachtet werden. Ziel ist, das Potential des Körperbegriffs zur Überwindung von Dichotomien für Denkstrukturen und in der Anwendung auf musikalische Gegenstände zu diskutieren. Durch das Begreifen als Analysewerkzeug kann Körper als Verschränkungsort von Wissen und Handeln, Diskurs und Praxis verstanden werden, der musikalischer Rezeption, Interpretation und Produktion gemeinsam ist und in dem der Dualismus von Musikrezeption und -produktion aufgelöst erscheint. Um diese Grundidee der konzeptionellen Verschränkung auch strukturell umzusetzen, sollen die Beiträge der beiden Blöcke in wechselseitige Diskussion treten.

1. Composing the Performance? - Körperinszenierungen in und zur Musik

Leitfragen:

Körperlichkeit ist in der Aufführung, im sichtbaren Bühnengeschehen, im Verhalten des Interpreten zur Musik erkenn- und analysierbar. Ist sie aber auch in einer anderen Weise bestimmbar, wenn man sie als musikimmanentes Ausdrucksprinzip, als in den (Noten-)Text eingeschriebenen Körper begreift? Wie lässt sich das daraus resultierende Verschwimmen von komponierendem, musizierendem und hörenden Körper analytisch greifen? Lässt sich der Körper als musikanalytisches Instrument fruchtbar machen?

Mögliche Themen:

  • Notentext als Strategie der Inszenierung des musizierenden Körpers: Notenschrift als präskriptives Medium für konkrete körperliche Handlungen und Bewegungen
  • Vom transparenten Medium zum einkomponierten Körper: Verschwimmen des innermusikalischen Körpers und des musizierenden Körpers
  • Körper als Gefüge und Schnittstelle performativen Handelns (visuell, klanglich)
  • Der Rolle des Interpreten/der Interpretin im Körper-Geist-Dualismus
  • Wahrnehmung und Inszenierung von Körper und Körperlichkeit auf der Bühne
  • Körper als analytisches Schlüsselkonzept: Wodurch werden diskursive Muster zum Körper generiert, wie strukturieren diese Muster unsere Wahrnehmungen und unsere Praktiken?
  • Einfluss des Körpers und dessen Möglichkeiten zur Bewegung auf die Entwicklung von Zeichensystemen zur Verschriftlichung von Musik

2. Historische Konfigurationen von hörenden Körpern als Überschneidungsorte von Außen und Innen

Leitfrage: Wie ist der körperliche Hörapparat in Beziehung gesetzt zu Körpernormen und Körpererfahrungen, zum multisensorischen Außenraum und zu Konzeptionen des Innen oder des Selbst?

Mögliche Themen:

  • Geschichte der Ohren und auditiver Körperkonzepte
  • Historische Konstruktion von hörenden Körpern: Disziplinierung, Zurichtung, Formung von Hörfertigkeit, Hörwissen und Hörfähigkeit im Kontext von Repertoires und Kanones, sozialgeschichtlicher Praxis, ethischen Normen, politischen Dynamiken, ästhetischen Normen, wissensgeschichtlichen, medizingeschichtlichen, psychologischen Denkstrukturen
  • Körperliche Hörhaltungen, Hörrollen, Hörgewohnheiten, Hörpraxis
  • Körperliche Wahrnehmungsapparate und ihre historischen, sozialen, kulturellen Verortungen zwischen (Außen)Raum und Innen(raum) als Receiver, Medium, Kommunikator, Black box, Interface, Performer, Arrangeur, Multiplikator....
  • Geschichte des embodiments des (akustischen) Raums / embodiment im Raum
  • Produktion des Subjekts im körperlichen Lokus der Wahrnehmung, Problemgeschichte des Körper-Geist-Dualismus
  • Naturalisierung und Dekonstruktion von hörenden Körpern

Der Call for Papers richtet sich ausdrücklich an fortgeschrittene Masterstudierende, Promovierende, Postdocs und etablierte Wissenschaftler_innen. Besonders willkommen sind neben Beiträgen aus den unterschiedlichen Fachrichtungen der Musikwissenschaft disziplinübergreifende Vorschläge.

Die Länge der einzelnen Vorträge beträgt 20 Minuten, gefolgt von einer 10-minütigen Diskussion. Möglich ist auch eine Bewerbung für ein vollständiges Panel, bestehend aus drei 20-minütigen Vorträgen. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Eine Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten wird angestrebt, kann zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht garantiert werden. Eine Publikation der Beiträge ist vorgesehen.

Bitte senden Sie ein Abstract Ihres geplanten Vortrags in deutscher oder englischer Sprache (max. 300 Wörter) sowie eine Kurzbiographie (max. 100 Wörter) bis spätestens 01. November 2018 an eine der beiden Organisatorinnen. Die Zusagen über angenommene Vorschläge erfolgen bis spätestens Ende Dezember 2018.

Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge!

 

Konzeption und Organisation:

Dr. Christine Hoppe (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

& Sarah-Avischag Müller, MSt. (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Georg-August-Universität Göttingen

Musikwissenschaftliches Seminar

Kurze Geismarstraße 1

37073 Göttingen

 


[English version]

Music in the body - body in music: The body at the intersection of musical practice and discourse

Conference: 5th/6th of September 2019, Department of Musicology, Georg-August-University of Göttingen

Our body forms the basis of all musical acts, utterances and experiences. As sonic waves, music impacts the body immediately. Musical instruments vibrate through human bodily action. Notated scores become music through the bodies of their performers. The effects of a Rock’n’Roll classic manifest bodily through physical movement in dance. Despite the undeniable presence and importance of the body in music production and reception, the body has been marginalised in historical musicology. This neglect persists despite the attention to the body as medium and location of knowledge in other disciplines throughout the humanities and social sciences. The body enjoys critical scholarly discussion and analysis since the performative turn in fields such as affect-, gender- and performance-studies, and these fields are explored in popular music studies, Ethno-, and cultural musicology. But these approximations have yet to amount to a rethinking of music in terms of its corporeality. Musicology often operates within a conception of music that is anchored to autonomy aesthetics, which is characterised by a “marginalisation of the body through the autonomy of the mind” (Traudes 2012). Not only is the performing body conceived as a transparent medium, transporting the mind-driven intentions of the composer, but the listening ideal is moreover not one of bodily reaction, but intellectual reflection. Consequently, the ‘music itself’ remains within the notated work requiring a certain ideological reading. As musicologists , the current tasks facing us are to examine the effects this ignorance of the body has had on our understanding of music (history) and detailing strategies to overcome this inattention. Furthermore, the consequences of including the body in our thinking about music must be analysed and critically discussed.

This conference aims to open ways into a foundational critical discussion of the above, questioning how the body and (musical) knowledge can be conceptually connected. To what extent are musicolo­gical questions impacted by the topic’s prevalence in other disciplines? How can we think of the body as a central musicological category?

This conference will examine the bodily dimensions of historical, social, symbolical and cultural practice in music along two related sections: music production and reception. With this, the aim is to discuss how the conceptualisation of the body beyond the Understanding the body as a tool for analysis possibly allows the body to become an intersection of knowledge, agency, discourse and practice. In this respect, the body is a shared locus of musical reception, interpretation and production, and can overturn the dualism of production and reception. The conference will accommodate this idea of intersection by bringing the contributions of the two conference sections into dialogue.

1. Composing the Performance? - staging the body in and to music

Questions: Corporeality is perceivable in performance, in visible staging, and in performers’ behaviour while musicking. Can corporeality also be detected as a principle of expression inherent to music, as a body inscribed into (musical) text? How can the resulting blurring of composing, performing and listening body be grasped analytically? How can we understand the body as a tool for music analysis?

Possible topics:

  • Musical text as staging strategy for the performing body: musical notation as prescriptive medium for bodily action and movement
  • From transparent medium to en-composed body: blurring of inner-musical and performing body
  • Body as fabric and interface of performative action (sensorially, sensually or sensationally)
  • The role of the interpreter/performer in the body-mind-dualism
  • Perception and presentation of the body on stage
  • Body as analytical key concept: How are discursive norms for the body produced, how do those norms structure our perception and practice?
  • Influence of the body and its potential for movement on the development of sign systems for music notation

2. Historical configurations of listening bodies as intersection spaces of outside and inside

Questions: How is the bodily listening apparatus related to body norms and body experiences? What relationship does the listening body have to multi-sensory outward space and to concepts of inwardness or the self?

Possible topics:

  • History of the ears and the auditive body
  • Historical construction of listening bodies: disciplining, forming, fashioning listening skills, listening knowledge and listening abilities in the context of repertoires and canons, socio-historical practice, ethical norms, political dynamics, aesthetic norms, the history of knowledge, medicine and psychology
  • bodily listening attitudes, listening roles, listening habits and listening practice
  • The bodily sensory apparatus, historically, culturally, socially located between outside and inside spaces. Sensory apparatus used as receiver, medium, communicator, black box, interface, performer, arranger, multiplier…
  • History of embodiment in sonic space
  • Production of the subject through bodily perception, history of the body-mind-dualism
  • Naturalisation and deconstruction of listening bodies

This call for papers is directed towards advanced postgraduate and doctoral students, post-docs and senior scholars. Contributions from different fields of musicology as well as transdisciplinary contributions are welcome.

Individual papers will last 20 minutes with 10 minutes of discussion. It is possible to apply with a panel proposal comprised of max. three individual 20-minute-papers. Conference languages are German and English. A conference publication is intended. Please submit a paper abstract in German or English (max. 300 words) along with a short bio­graphy (max. 100 words) until the 1st of November 2018 to one of the organisers. Contributors will be informed about paper acceptance by the end of December 2018.

Expenses for travel and accommodation may be covered depending on successful funding applications and cannot be guaranteed at this point.

We look forward to your submissions!

Organisers:

Dr. Christine Hoppe (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

& Sarah-Avischag Müller, MSt. (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Georg-August-University of Göttingen

Department of Musicology

Kurze Geismarstraße 1

37073 Göttingen

Germany

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok