Memorandum der Gesellschaft für Musikforschung zur künstlerisch-wissenschaftlichen Promotion

Die Diskussionen um den dritten Qualifikationszyklus an den Kunst- und Musikhochschulen und der in diesem Feld anstehende Reformprozess erfordern eine breite Diskussion über die in diesem Zyklus vorzusehenden Abschlüsse. Ein entscheidendes Problem in dieser Diskussion entsteht dadurch, dass die derzeit gültige Fassung des Qualifikationsrahmens für deutsche Hochschulabschlüsse für den dritten Zyklus nur den Abschluss Dr. phil bzw. Ph.D. vorsieht, der üblicherweise wissenschaftliche Qualifikation bescheinigt und als solcher eingeführt ist. Bereits im Juli 2012 hat die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK in einem Positionspapier zu diesem Problem Stellung bezogen. Grundsätzlich schließt sich die GfM der Position der RKM an, dass im Bereich der Musik neben den eingeführten wissenschaftlichen (Dr.phil.) wie künstlerischen Qualifikationen (Konzertexamen bzw. äquivalente künstlerische Abschlüsse) auch eine wissenschaftlich-künstlerische Qualifikation auf dieser Ebene denkbar ist, die jedoch die bereits eingeführten Qualifikationen nicht schwächen darf, sondern zu ihnen hinzutreten muss. Ein Austausch mit den wissenschaftlichen Fachgesellschaften der auf die Künste bezogenen Wissenschaften in dieser Frage ist aus unserer Sicht angesichts der aktuellen Lage unumgänglich und kann nicht durch Stellungnahmen der universitären Vertreter der HRK ersetzt werden. Das vorliegende Papier setzt hierzu für die Musikwissenschaft eine Initiative.

Mit der Promotion ist in den Geisteswissenschaften eine besondere wissenschaftliche Leistung verbunden, welche – aufbauend auf einem bestimmten Forschungsstand – die jeweilige Disziplin um wesentliche neue Erkenntnisse bereichert und methodologisch den Kriterien der Überprüfbarkeit der Ergebnisse sowie dem Bemühen um Objektivität genügt. In der Musikwissenschaft wird für entsprechende Leistungen im deutschsprachigen Raum der Titel „Dr. phil.“ vergeben, da die Musikwissenschaft aufgrund ihrer historischen Entwicklung (mit einer überwiegend philologischen Ausrichtung im 19. Jahrhundert) zu einem Verbund von Disziplinen gehört, die in den Philosophischen Fakultäten der Universitäten angesiedelt sind, und in den auch die Musikwissenschaft als Geisteswissenschaft an den Kunsthochschulen sich stellt. Es ist aus unserer Sicht im Interesse der Absolventinnen und Absolventen, diese auch im internationalen Feld eingeführte und klar konturierte Qualifikation zu sichern.

Die Verbindung von künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit in einer Qualifikation im dritten Zyklus führt ein neues Element ein, das einer anderen Fächerkultur entstammt als die in philosophischen Fakultäten angesiedelten Disziplinen, auch wenn es sich über den wissenschaftlichen Anteil mit diesen verbindet. Daher ist es aus Sicht des Vorstandes der GfM sinnvoll, im Rahmen einer die künstlerischen und künstlerisch-wissenschaftlichen Qualifikationen einbeziehenden Reform der Abschlüsse des dritten Zyklus den für eine künstlerisch-wissenschaftliche Promotion zu vergebenden Titel von demjenigen des Dr. phil. zu unterscheiden. Es bietet sich der „Doctor of Musical Arts“ (DMA) bzw. ein deutschsprachiges oder lateinisches Äquivalent (Doctor Musicae Artis) an. Eine entsprechende Abgrenzung des zu verleihenden Titels gewährleistet, dass die unterschiedlichen Profile von wissenschaftlicher und künstlerisch-wissenschaftlicher Promotion erkennbar sind, und bildet hiermit eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich Promovierte ihrer jeweiligen Ausrichtung gemäß auch international erfolgreich auf Stellen bewerben können.

Im Hinblick auf zu entwickelnde Qualitätsstandards für die künstlerisch-wissenschaftliche Promotion ist es zwingend erforderlich, dass Fachvertreterinnen bzw. Fachvertreter beider Bereiche in den Prozess einbezogen werden, und es ist mehr als wünschenswert, dass auf der Ebene der RKM das Vorgehen mit dem zuständigen Fachverband der Musikwissenschaft, der GfM, abgestimmt wird.

Damit ein solcher Abschluss nicht gleichsam in der Luft hängt, muss zunächst geklärt werden, wie der Erwerb wissenschaftlicher Voraussetzungen für einen solchen künstlerisch-wissenschaftlichen Abschluss im dritten Zyklus in künstlerische bzw. künstlerisch-wissenschaftliche Studiengänge des ersten und zweiten Zyklus implementiert werden kann. Eine Grundierung der wissenschaftlichen Ausbildung in den Studienplänen der vorausgehenden Zyklen sollte als Voraussetzung für die Zulassung solcher Abschlüsse im dritten Zyklus gelten. Damit unmittelbar verbunden ist die Frage nach den Zulassungsvoraussetzungen zu einem solchen dritten Zyklus. Der wissenschaftliche Anteil, die Dissertation, muss nach Auffassung des Vorstands der GfM Kriterien genügen, die sich als Standard in den Geisteswissenschaften etabliert haben. Er muss genuin neue Erkenntnisse aufweisen und darf in keinem Fall allein in der Zusammenfassung bereits bekannter Forschungsergebnisse stehen bleiben, d.h. auf ein Anforderungsniveau herabgestuft werden, das üblicherweise auf geisteswissenschaftliche Master-Arbeiten angewendet wird.

Kassel, September 2014

Prof. Dr. Wolfgang Auhagen (Präsident der GfM)

Prof. Dr. Dörte Schmidt (Vizepräsidentin der GfM)

 

Memorandum der Gesellschaft für Musikforschung zur Lehrerbildung im Fach Musik

Musik als ordentliches Schulfach ist unverzichtbar im Fächerkanon der allgemeinbildenden Schulen. Musikunterricht dient nicht dem Ausgleich zum bzw. der Erholung vom Unterricht in anderen Fächern, sondern verfolgt seinen eigenen Bildungsauftrag als künstlerische Praxis wie als Teil von Kultur gleichermaßen und in allen Schultypen. Dieses kulturelle Selbstverständnis geht auf die für die deutsche Demokratie grundlegenden kulturpolitischen Weichenstellungen der Weimarer Republik zurück. Ihm entspricht eine Lehrerbildung, die das Schulfach Musik den übrigen nicht nur gleichstellt, sondern überdies eine fundierte doppelte Qualifikation der Lehrkräfte voraussetzt, in der künstlerische und fachwissenschaftliche Anteile gleichberechtigt zum Tragen kommen. Damit wird die Musik als Schulfach sowohl im Kanon der Künste als auch im Spektrum der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer verankert. Gleichermaßen in dieser Tradition steht der Umstand, dass Lehrer im Fach Musik ein Universitätsstudium im Humboldtschen Sinne erhalten,  sich in ihren Fächern in diesem Sinne umfassend bilden und nicht eine berufsbezogene und damit von Beginn an zweckbestimmte Ausbildung erhalten.

Die Gesellschaft für Musikforschung sieht mit Sorge, dass dieser Anspruch zunehmend in Gefahr gerät. Er ist unvereinbar mit den aktuellen Plänen zur Reform der Musiklehrerausbildung in vielen Bundesländern. Die deutliche Tendenz zur Verlagerung des Schwerpunktes auf die Berufswissenschaften auf Kosten der fachbezogenen künstlerischen und wissenschaftlichen Studienanteile senkt die fachliche Qualität sowie Attraktivität des Schulmusikstudiums. Gerade bei der Wahl dieses Studiums spielt die Leidenschaft für den Gegenstand eine besondere Rolle.

Aus der Sicht des Vorstands der Gesellschaft für Musikforschung ist zur Sicherung des universitären Anspruches der Ausbildung die Beibehaltung einer veritablen fachlichen Doppelqualifikation in Kunst und Wissenschaft unverzichtbar und kann nicht durch Mischqualifikationen ersetzt werden. Dies muss sich u.a. auch in einer genuin künstlerischen Abschlussprüfung und einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit niederschlagen, die als zentrales Element den anderen Lehramtsstudien gleichwertigen wissenschaftlich Status des Studienabschlusses aufrecht erhält.

Kassel, September 2014

Prof. Dr. Wolfgang Auhagen (Präsident der GfM)

Prof. Dr. Dörte Schmidt (Vizepräsidentin der GfM)